BACHSTRAßE

  • Paula Gehlhaus wurde am 28. April 1893 in Stadthagen Krs. Schaumburg-Lippe geboren. Ihre Eltern waren der Postsekretär Hermann Otte und Lina geborene Hohmann. Sie war evangelisch. In der Familie lebten noch fünf Geschwister. Paula galt nach der Aussage einer Schwester immer als „körperlich und geistig schwächlich“. Bis zu ihrem 37. Lebensjahr blieb sie unverheiratet. Am 22. Juli 1920 gebar Paula Otte in Herford einen unehelichen Sohn, Willi, der von Kindheit an körperlich und geistig behindert war und deshalb schon als Kind im städtischen Waisenhaus in der Mindener Brüderstraße lebte. Am 21. August 1930 heiratete sie den Friseur Karl Gehlhaus, mit dem sie von jetzt an in Dankersen in der Bachstraße 8 wohnte.

    Schon wenige Jahre nach ihrer Heirat machen sich bei Paula Gehlhaus Symptome einer beginnenden Geisteskrankheit bemerkbar. Im Frühjahr 1934 wird sie in das Krankenhaus Minden aufgenommen, wo die Ärzte eine Geisteskrankheit diagnostizieren, deren Ursache unbekannt sei. Sie halten eine Heilbarkeit für fraglich und bezeichnen Paula als „anstaltspflegebedürftig“. Der Amtsarzt bestätigt die Notwendigkeit der Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt. So wird sie am 7. Juli 1934 in die Bodelschwinghschen Anstalten Bethel aufgenommen. Die fortlaufenden Eintragungen in ihre Krankenakte besagen eine ständige Verschlechterung ihres Zustandes, bescheinigen ihr aber gleichzeitig, dass keine organischen Krankheiten vorlägen. Sie lebt in einer geschlossenen psychiatrischen Station.

    Am 18. November 1941 schreibt die Anstaltsleitung an den Ehemann, seine Frau müsse auf Anordnung des Oberpräsidenten in Münster zusammen mit einer Anzahl von Kranken aus Bethel verlegt werden, und zwar in die Heilanstalt Gütersloh. Die Verlegung geschieht am 21. November 1941 Der Übergabeschein bestätigt noch einmal einen unheilbaren angeborenen Schwachsinn

    Eintragungen in die Krankenakte aus der Gütersloher Zeit fehlen bis auf einen Vermerk vom 9. Juni 1942: „Krankenblatt nach Auszug in Gütersloh abgeschlossen.“ Das Abgangsbuch der Heilanstalt Gütersloh hält unter dem 9. Juni 1942 fest, dass Paula Gehlhaus nach Warta verlegt worden sei. Diese Eintragung ist fehlerhaft, denn sie lebte noch bis zum 12. November 1943 in der Gütersloher Anstalt. Unter diesem Datum findet sich nämlich in Ihrer Krankenakte der Vermerk: „Überführung nach Warta“. Zwei Tage später, am 14. November 1943, wird für Paula Gehlhaus eine Aufnahmeanzeige in Warta ausgestellt. Wie es zu der fehlerhaften Eintragung kam, kann aus der Aktenlage nicht geklärt werden.

    Warta/Polen gehörte in der Zeit der deutschen Besetzung zum sog. „Reichsgau Wartheland“. Die „Heilanstalt“ Warta war eine der Tötungsanstalten des Deutschen Reiches, in denen im Rahmen der Euthanasiepolitik behinderte, kranke und sozial auffällige Menschen ermordet wurden. Diese Mordaktionen waren zwar im Sommer 1941 offiziell eingestellt worden, sie wurden jedoch bis zum Kriegsende weiter durchgeführt. Ihnen fielen wenigstens 200.000 Menschen zum Opfer. Zu ihnen gehörte auch Paula Gehlhaus. Sie starb am 1. Januar 1945. Der Totenschein nennt als Todesursache: Lungentuberkulose.

    Nachtrag:
    Willi Otte, Paula Gehlhaus‘ behinderter Sohn, wurde ebenfalls im Zuge der Euthanasiemaßnahmen ermordet. Er starb in der „Heilanstalt“ Egelfing-Haar am 25. Februar 1945 im sog. „Hungerhaus“. Für ihn liegt ein Stolperstein in der Brüderstraße 16 vor dem Robert-Nußbaum-Haus

bäckerstrAße

  • Alfred Pfingst wurde am 16. April 1889 in Bischofsburg (Kreis Rößel) in Ostpreußen geboren. In Rößel heiratete er am 5. November 1918 die am 13. Februar 1893 in Barten (Kreis Rastenburg) geborene Frieda Loewenstein. Alfred Pfingst war als Kaufmann tätig: Ihm gehörte das Einheitspreisgeschäft „Alfred Pfingst am Wesertor“ an der Bäckerstraße 74-76. Dort wohnte er seit dem 1. August 1911; schon für den Tag der Heirat ist seine Frau bereits in Minden unter derselben Adresse gemeldet. Gemeinsam hatten sie drei Kinder, zwei Töchter und einen Sohn, die in Minden geboren wurden. Bevor die „Verordnung zur Ausschaltung von Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 1. Januar 1939 in Kraft trat, wurden seitens der NSDAP 1938 in Minden Versuche unternommen, das Einheitspreisgeschäft zu ‚arisieren‘: Das scheiterte jedoch am Widerstand des Mindener Einzelhandels. So wurde die ‚Arisierung‘ des Geschäfts erst ab 1939 durchgeführt. Sie dauerte bis 1941, weil der mit der Geschäftsauflösung beauftragte Steuerberater Köllmann aus Minden sie bewusst verschleppte: Er war seit der Geschäftsgründung 1931 für Alfred Pfingst tätig. Als Alfred Pfingst 1938 in der Reichspogromnacht zum 9. November verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurde, beauftragte er Köllmann vertrauensvoll mit der Geschäftsführung. Ab Ende Januar 1939 war Köllmann dann offiziell im Auftrag der Stadt Minden mit der Abwicklung des Pfingstschen Geschäfts betraut. Aus dieser Aufgabe wurde er im April 1939 entlassen, weil man ihn für unzuverlässig, da persönlich der Familie Pfingst zugeneigt, befand. Die Abwicklung des Einheitspreisgeschäfts wurde daraufhin dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Vockroth übertragen. Auch Vockroth zögerte die Liquidierung des Geschäfts bewusst hinaus; sie war erst Ende 1941 abgeschlossen.

    Das Ehepaar Pfingst war bereits Anfang Juni 1939 nach Frankfurt a. M. umgezogen, hatte zuvor noch seine sämtlich unmündigen Kinder von Minden aus ins Ausland in Sicherheit gebracht, wo alle drei den Holocaust überlebten.

    Über das weitere Schicksal von Alfred und Frieda Pfingst ist nur bekannt, dass sie von Frankfurt/M. nach Auschwitz deportiert und dort am 31. Oktober 1944 ermordet wurden.

BRÜDERSTRAßE

  • An der Stelle des heutigen Robert-Nußbaum-Hauses stand vor dem 2. Weltkrieg das Mindener Waisenhaus. Hier lebte bis 1938 Willi Otte.
    Er wurde am 22. Juli 1920 unehelich in Herford geboren. Sein Vater war nicht in der Lage, den geforderten Unterhalt zu zahlen. Wegen seiner geistigen Behinderung wurde er als 18jähriger Jugendlicher am 27. Juli 1938 in die Heilanstalt Wittekindshof aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt lebte seine Mutter in den Bethelschen Anstalten in Bielefeld. Als geistig Behinderter war er bedroht durch die Euthanasiepolitik des Naziregimes, die die Tötung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ betrieb. Gegen den Willen des Wittekindshofes wurde Willi Otte am 6. November 1941 in die „Heilanstalt“ Gütersloh verlegt; am 7. Februar 1942 wurde er weiter verlegt in die „Heilanstalt“ Aplerbeck.

    Zu diesem Zeitpunkt waren die Euthanasieaktionen wegen des erheblichen öffentlichen Protestes und Widerstandes offiziell eingestellt; inoffiziell wurden sie jedoch bis zum Endes des Nazireiches weiter geführt. Es gibt keine exakten Zahlen der Euthanasieopfer; man muss jedoch davon ausgehen, dass wenigstens 200.000 psychisch kranke, geistig behinderte oder sozial auffällige Menschen im Rahmen der Euthanasieaktionen in Krankenhäusern, Heimen und Heilanstalten ermordet wurden.

    Am 24. Juni 1943 wurde Willi Otte noch einmal verlegt, und zwar in die „Heilanstalt“ Egelfing-Haar bei München. Solche mehrfachen Verlegungen erfolgten häufig, um Nachforschungen von Angehörigen zu erschweren. In Egelfing-Haar gab es, wie in anderen Vernichtungsanstalten auch, ein sogenanntes „Hungerhaus“, in dem man die Opfer durch gewollten und geplanten Nahrungsentzug verhungern ließ. Hier starb Willi Otte am 25. Februar 1945.

    Nachtrag:
    Im Zuge unserer weiteren Forschungen nach Mindener Euthanasieopfern stellten wir später fest, dass Willi Ottes Mutter, Paula Gehlhaus, am 7. Juli 1934 in die Bodelschwinghschen Anstalten in Bielefeld-Bethel aufgenommen wurde. Begründung: Geisteskrankheit. Von dort wurde sie am 21. November 1941 in die „Heilanstalt“ Gütersloh verlegt, wo sich zu der Zeit auch ihr Sohn befand. Am 9. Juni 1942 wurde sie noch einmal verlegt, und zwar nach Warta/Polen. Warta gehörte während der deutschen Besatzungszeit zum sog. „Reichsgau Wartheland“. Die dortige „Heilanstalt“ war eine der Tötungsanstalten für die Euthanasieaktionen. Dort wurde auch Willi Ottes Mutter ermordet. Für sie liegt ein Stolperstein vor dem Haus Bachstraße 8 in Dankersen.

friedrich-wilhelmstraße

  • Friedrich Bradmöller wurde am 29. November 1895 in Minden geboren. Seine Eltern waren der Glasmacher Wilhelm Bradmöller und Marie Bradmöller geb. Stahlhut. Er war evangelisch. Die Familie wohnte in der Friedrich-Wilhelm-Straße 38.

     Im Alter von zwei Wochen erleidet Friedrich Bradmöller eine schwere Kopfver-letzung, die eine längere Bewusstlosigkeit zur Folge hat. Spätere ärztliche Gutachten führen seine geistigen Schwächen darauf zurück. Der Besuch der öffentlichen Schule muss nach zwei Wochen abgebrochen werden. Im Alter von sieben Jahren wird er in das sog. „Blödenheim“ des Wittekindshofes eingewiesen.

    Die dortigen Ärzte attestieren das Fehlen jeder geistigen Entwicklung; sie diagno-stizieren angeborene Idiotie und bezeichnen ihn als leicht tobsüchtig, zeitweise heftig, aber auch zeitweise freundlich. Im Wittekindshof (Bad Oeynhausen-Volmerdingsen) besucht Friedrich Bradmöller die Anstaltsschule, allerdings wegen seiner geistigen Schwächen, verbunden mit Kurzsichtigkeit und Schwerhörigkeit, nur mit geringem Erfolg. Im Alter von siebzehn Jahren werden ihm jedoch auch Fortschritte bescheinigt. Bis 1938 weisen mehrfach Atteste darauf hin, es sei dauernde Anstaltspflege notwendig.

    Im November 1941 wird der größte Teil der Patienten des Wittekindshofes in andere Heilanstalten verlegt. Friedrich Bradmöller kommt in die Provinzial-Heilanstalt Gütersloh. Schon kurz nach seiner Aufnahme fragt die „Gemeinnützige Kranken-Transport-GmbH Berlin“ nach dem Verbleib Friedrich Bradmöllers. Diese Ein-richtung übernahm mit den berüchtigten „grauen Bussen“ den Transport von behinderten Menschen in die Euthanasieanstalten. Im Oktober 1943 wird er in die Gau-Heilanstalt Warta im besetzten Polen verlegt. Warta gehörte während der deutschen Besatzungszeit zum „Reichsgau Wartheland“. Die dort schon seit Jahrzehnten bestehende Heilanstalt war von den Nazis zur Euthanasieanstalt umfunktioniert worden. Anfang 1945 wird die Anstalt vor der vorrückenden Roten Armee geräumt, Friedrich Bradmöller wird nach Tiegenhof (polnisch: Dziekanka) verlegt. In dieser Euthanasieanstalt wurden medizinische Versuche an Patienten angestellt. Hier wird Friedrich Bradmöller vermutlich am 29. März 1945 ermordet.

HAFENSTRAßE

  • Im Haus Hafenstraße 6 befanden sich die Geschäftsräume der Papierwarengroßhandlung des Kaufmanns Friedrich Woldt. Hier lebte er auch mit seiner Ehefrau Erna geb. Oestreich und den drei Kindern.

    Erna Woldt wurde am 17. September 1890 (nach anderen Quellen 1891) in Bromberg geboren. Sie war Jüdin. Wann sie nach Minden verzog, ist nicht bekannt. In Minden hielt sie sich  zur jüdischen Gemeinde. Sie heiratete den am 4. September 1883 geborenen Kaufmann Friedrich Woldt, der nicht Jude war. In der Sprache der Nazis  galt er  als „jüdisch versippt“. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Edith (manche Quellen nennen sie Helene), geboren am 28. Juli 1912; Gustav, geboren am 21. Dezember 1913, und Horst, dessen Geburtsdatum nicht mehr zu ermitteln ist. Erna Woldt arbeitete in der Großhandlung mit; sie galt als die „Seele des Geschäfts“.

    Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 führten die antijüdischen Boykotte auch bei der Firma Woldt dazu, dass sich Kunden und Lieferanten zurückzogen, was zu drastischen Umsatzrückgängen führte. So stellten auch die Mindener Melittawerke ihre Lieferungen ein mit der Begründung, das Geschäft Woldt sei „jüdisch versippt“.

    Als im Jahre 1943 die Wohnung von Emil Samuel und Frau bei einem Bombenangriff zerstört wurde, nahm die Familie Woldt diese jüdische Familie bei sich auf.

    Weil Erna Woldt in einer sogenannten „privilegierten Mischehe“ lebte, war sie zunächst keiner unmittelbaren Verfolgung ausgesetzt. Das änderte sich, als sie um die Jahreswende 1943/44 gegenüber einem Offizier eine Äußerung tat, die als „staatsfeindlich“ betrachtet wurde. Sie wurde daraufhin im Januar 1944 verhaftet und in das Polizeigefängnis in Minden eingeliefert. Am 19. Mai 1944 wurde sie in das Polizeigefängnis Hamm überstellt, von wo sie am 22. Mai 1944 in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert wurde. Hier wurde sie am 10. Dezember 1944 ermordet.

    Ihr Mann Friedrich Woldt wurde schon vor der Verhaftung seiner Frau mehrfach von der Kreisleitung der NSDAP aufgefordert, sich von seiner jüdischen Ehefrau scheiden zu lassen, was er konsequent ablehnte.

    Der Sohn Horst starb 1943. Tochter Edith und Sohn Gustav wurden nach der Deportation ihrer Mutter verhaftet und in ein Konzentrations- oder Arbeitserziehungslager eingeliefert. Ihr Schicksal ist unbekannt.

heidestraße

  • Im Hause Heidestraße 14 wohnte seit 1931 das jüdische Ehepaar Max Weinberg und Else Weinberg geb. Philippsohn. Es war das Eigentum von Else Weinberg.

    Max Weinberg wurde am 22. Dezember 1890 in Norderney geboren, Else Philippsohn am 13. Juni 1896 in Bückeburg. 1920 heirateten die beiden in Bückeburg. Von 1921 bis 1931 wohnten sie in der Besselstraße 13, danach in der Heidestraße 14. Beide Ehepartner engagierten sich in der jüdischen Gemeinde: Else gehörte zum Vorstand des „Israelitischen Frauenvereins“, Max gehörte zum Hauptvorstand der Gemeinde und war Vorstandsmitglied im „Centralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV)“. Else Weinberg blieb nach ihrer Heirat Hausfrau. Ihr Mann, ausgebildeter Kaufmann, stieg als Teilhaber in die Rohproduktenhandlung Samuel Salomon in Minden, Königswall 5-9, ein, in der Arthur Salomon Miteigentümer war.

    Nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 wurde das Unternehmen immer stärker boykottiert, so dass die Geschäftstätigkeit fast zum Erliegen kam. Als die NS-Regierung die Wichtigkeit solcher Betriebe für die Aufrüstung und Kriegsvorbereitung erkannte, begann die Verfolgung der jüdischen Eigentümer mit dem Ziel, sie zu verdrängen und durch „arische“ Eigentümer zu ersetzen. Das gelang im Dezember 1938. Das Unternehmen musste zwangsweise verkauft werden; Käufer war der Mindener Kaufmann Fritz Berg.

    Bereits früher, nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, wurde Max Weinberg gemeinsam mit Arthur Salomon verhaftet und in das KZ Buchenwald verschleppt, wo er brutal misshandelt wurde. Im Dezember durfte er in seine Wohnung zurückkehren, jedoch nicht mehr in sein inzwischen „arisiertes“ Geschäft.

    Am 13. Dezember 1941 wurden Max und Else Weinberg in das Ghetto Riga deportiert. Zu einem nicht mehr feststellbaren Zeitpunkt wurden beide später in das KZ Kauen (polnisch: Kowno) eingeliefert. Hier wurden sie getrennt. Else Weinberg wurde am 19. Juli 1944 mit der Häftlingsnummer 48504 von Kauen in das KZ Stutthof bei Danzig deportiert. Ihr Todestag und -ort wie die Umstände ihres Todes sind nicht bekannt. Sie starb entweder in Stutthof oder nach Auflösung des Lagers im Januar 1945 auf einem der berüchtigten Todesmärsche nach Westen. Max Weinberg wurde am 29. Juli 1944 von Kauen in das KZ Dachau deportiert. Mit der Häftlingsnummer 85015 wurde er dem Außenkommando Kaufering zugewiesen. Er starb dort am 20. Oktober 1944. Die Umstände seines Todes sind unbekannt. Sein Geschäftspartner Arthur Salomon wurde in Treblinka ermordet; für ihn liegt ein Stolperstein vor dem Haus Marienstraße 28.

    Nach der Deportation des Ehepaares Weinberg nach Riga wurde ihr Haus samt Einrichtung beschlagnahmt und enteignet. Neuer Eigentümer war der in Minden und Umgebung als brutaler Schläger berüchtigte SA-Standartenführer Wilhelm Freimuth. Freimuth fiel zu Anfang des Krieges in Polen. 1956 mussten seine Witwe und ihre sieben Kinder das Haus nach einem siebenjährigen Rückerstattungsverfahren räumen und an die Erben von Else Weinberg zurückgeben.

kampstraße

  • Zur jüdischen Familie Simon, die im Hause Kampstraße 34 wohnte, gehörten die Eltern Max und Johanna sowie der Sohn Alfons Amschel. Eigentümerin dieses Hauses war die „arische“ Deutsche Johanne Seller.

    Max Simon wurde am 20. oder 23. September 1880 in Minden geboren. Er war Friseur und gleichzeitig Inhaber eines Puppengeschäftes; außerdem restaurierte er Puppen. Sein Geschäft betrieb er auch in diesem Hause. Am 20. September 1905 heiratete er die am 30. Mai 1874 geborene Johanna Nußbaum; sie stammte aus Salzkotten Krs. Büren. Am 25. November 1908 bekamen sie ihr einziges Kind, den Sohn Alfons Amschel. Dieser wurde Schlachter und Viehhändler und betrieb seit 1927 auch ein Handelsgeschäft mit Fellen.

    Nach 1933 litten die Familie Simon und ihr Geschäft unter den zunehmenden antijüdischen Aktivitäten und Maßnahmen. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 stürmte der Mob Geschäft und Wohnung; die Ladeneinrichtung und die Puppen wurden zerstört, Schaufenster und Scheiben wurden zerschlagen. Am 10. November wurden Max Simon und sein Sohn Alfons verhaftet; zwei Tage später wurden sie zusammen mit mehreren anderen männlichen Juden aus Minden in das KZ Buchenwald verschleppt, wo sie brutalen Misshandlungen ausgesetzt waren. Am 15. Dezember 1938 wurde Max Simon hier ermordet. Seine Leiche wurde verbrannt; die Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Minden beigesetzt.

    Alfons Simon kehrte aus dem KZ Buchenwald nach Minden zurück und wohnte zunächst wieder bei seiner Mutter. Im Jahre 1939 mussten sie die Wohnung verlassen und in das sog. „Judenhaus“ in der Kampstraße 6 umziehen. Hier wurden sie gemeinsam am 31. März 1942 verhaftet und anschließend in das Ghetto Warschau deportiert. Während Johanna Simon hier noch am 24. Mai 1942 von Augenzeugen gesehen wurde, verliert sich die Spur von Alfons Simon. Beide sind im Warschauer Ghetto umgekommen.

  • Hirsch (Herz) Wolf Ingberg wurde am 15. September 1870 in Warschau (Polen) geboren. Als Kaufmann ließ er sich in Minden nieder und betrieb anfangs eine Altwarenhandlung, ein Trödlergeschäft, an der Kampstraße 24, später dann ein Geschäft für Schuhe und Konfektion an der Simeonstraße 8. Mit seiner Familie lebte er im Haus Kampstraße 32. Hirsch Wolf Ingberg war in mit Soscha (Sosse) Ingberg geb. Klepfisch, geboren am 25. Juli 1886 in Warschau (Polen), verheiratet. Sie hatten vier Kinder: Die älteste Tochter, geboren 1918, konnte in die USA auswandern; die drei jüngeren Geschwister überlebten die Verfolgung durch das NS-Regime nicht: Moritz Isaak Ingberg, geboren am 10. Februar 1921, besuchte bis 1935 die Knaben-Mittelschule und schloss im März 1938 eine Lehre als Polsterer und Dekorateur ab; David, geboren am 11. Februar 1926, und Erika, geboren am 26. Juli 1928, gingen auf die Heideschule, bis sie am 15. November 1938 als Juden der Schule verwiesen wurden.

    Am 28. Oktober 1938 wurde Hirsch Ingberg zusammen mit den drei jüngeren Kindern nach Zbaczyn (Bentschen, Polen) deportiert. Anfang Juli 1939 kehrte er noch einmal allein nach Minden zurück, um sein Vermögen zu liquidieren. Zusammen mit seiner Frau wurde er dann am 17. Juli 1939 nach Zbaczyn (Bentschen, Polen) abgeschoben und nach dem Angriff der deutschen Truppen auf Polen Anfang September 1939 ins Ghetto bzw. Konzentrationslager Otwock im Kreis Warschau verbracht. Dort verstarb Hirsch Wolf Ingberg am 15. Januar 1943: Die genaueren Umstände seines Todes sind nicht bekannt. Am 24. Oktober 1947 wurde Hirsch Ingberg für tot erklärt. Ob Soscha Ingberg in Otwock starb oder ob sie zusammen mit den drei Kindern ins Warschauer Ghetto verbracht wurde, ist nicht geklärt. Sie wurde am 16. September 1949 für tot erklärt, weil sie nicht aus dem Lager zurückkehrte. Moritz, David und Erika werden den Aufstand im Warschauer Ghetto der im April 1943 von den Nationalsozialisten brutal niedergeschlagen wurde, nicht überlebt haben. Sie wurden zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.

    Hirsch Wolf Ingbergs Kinder aus seiner ersten Ehe überlebten den Holocaust: Eine Tochter wanderte in die USA, eine andere Tochter und ein Sohn wanderten nach Brasilien aus, und ein Sohn, Max Ingberg, der nicht nur als Jude, sondern auch als Sozialdemokrat verfolgt wurde, überlebte im Untergrund in Belgien, von wo er nach dem Ende des NS-Terrorregimes nach Minden zurückkehrte – und in der Simeonstraße 8, wo sein Vater das Bekleidungsgeschäft hatte, lebte.

  • Im Hause Kampstraße 26 lebte die jüdische Familie Rosenfeld. Der Vater, Philipp Rosenfeld, wurde am 13. März 1856 im benachbarten Cammer geboren, seine Ehefrau Paula geb. Klein am 2. Dezember 1870 in Bommern bei Witten an der Ruhr. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Moritz, geboren am 23. März 1891, Martha, geboren am 11. Januar 1893, und Erna, geboren am 11. März 1894.

    Philipp Rosenfeld war selbstständiger Viehkaufmann. Seine Geschäfte verliefen sehr erfolgreich, so dass die Familie in sehr guten Verhältnissen leben konnte. Ab 1937 beeinträchtigten die zunehmenden antijüdischen Maßnahmen der Nationalsozialisten immer stärker das Geschäft, bis Philipp am 1. Juli 1938 zur Abmeldung des Gewerbes gezwungen wurde. Nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das Ehepaar Rosenfeld , wie viele Juden in Deutschland, zur Zahlung einer Sonderabgabe gezwungen, mit der die von SA und SS angerichteten Schäden an jüdischem Eigentum beglichen werden sollte; bei ihm waren es 6.750,- RM.

    Nach Auskunft des Bundesarchivs in Koblenz wurde das Ehepaar Rosenfeld am 31. Juli 1942 von der Gestapo verhaftet und mit einem Sammeltransport über Bielefeld in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Der gesamte Hausrat wurde beschlagnahmt und versteigert. In Theresienstadt kam Philipp nur zwei Wochen später am 15. August 1942 um; Paula starb dort am 6. Januar 1943. Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.

    Ihre drei Kinder konnten Deutschland rechtzeitig verlassen und deshalb das Naziregime überleben.

  • Im Hause Kampstraße 26, das nicht mehr existiert, wohnte von Februar 1940 bis Juli 1942 auch das jüdische Ehepaar de Jonge mit einem Sohn. Die Familie war aus Weener in Ostfriesland nach Minden verzogen.

    Der Ehemann, Benjamin de Jonge, wurde am 29. März 1873 in Weener geboren, wo er 67 Jahre wohnen blieb. Er betrieb einen Viehhandel, wahrscheinlich auch noch eine Landwirtschaft und eine Schlachterei. Er war verheiratet mit Sara geborene de Levie, die am 19. Dezember 1881 in Ihrhove im Kreis Leer/Ostfriesland geboren war. Das Ehepaar hatte vier oder fünf Kinder. Samuel, Budi genannt, wurde am 1. Juli 1903 geboren, Amalie, Mali genannt, am 19.Mai 1906 und Henry am 20. September 1910. Nur für diese drei Kinder sind die Daten überliefert. Samuel kam 1942 in Warschau um; Amalie und Henry wurden 1942 in Auschwitz ermordet. Von der Tochter Frieda wissen wir nur, dass sie nach ihrer Heirat Rosengarten hieß und vermutlich nach England emigrierte. Möglicherweise hatte das Ehepaar de Jonge noch ein fünftes Kind, dessen Existenz aber nicht gesichert ist.

    Nach 1933 litt das Geschäft von Benjamin de Jonge unter den antijüdischen Boykottmaßnahmen; 1938 wurde er zur Aufgabe des Geschäftes gezwungen. Im Februar 1940 wurden Benjamin und Sara de Jonge aus Weener ausgewiesen; sie zogen nach Minden, wo sie bei ihrer Verwandten Eva Rosenfeld geb. de Jonge unterkamen. Am 28. Juli 1942 wurden sie mit dreißig weiteren Mindener Jüdinnen und Juden von der Gestapo verhaftet und über Bielefeld in das KZ Theresienstadt deportiert. Zu einem nicht bekannten Datum wurden beide weiter nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich am 15. Mai 1944 ermordet wurden.

    Der älteste Sohn, Samuel, hatte in Weener im väterlichen Geschäft als Viehhändler gearbeitet. 1938 wurde ihm die Handelserlaubnis entzogen; er wurde zur Zwangsarbeit in Wilhelmshaven eingesetzt. Später kehrte er nach Weener zurück und wurde dann, wie seine Eltern, im Februar 1940 ausgewiesen. Er ging zunächst nach Bremen und zog später zu seinen Eltern nach Minden, wo er auch in der Wohnung von Eva Rosenfeld unterkam. Am 31. März 1942 wurde er nach Warschau deportiert, wo er zu einem unbekannten Datum umkam.

  • Hier im früheren Hause Kampstraße 26 wohnte auch die Jüdin Eva Rosenfeld geb. de Jonge. Über sie sind nur sehr wenige Informationen erhalten.

    Sie wurde am 3. Februar 1877 in Weener/Ostfriesland geboren. Sie heiratete sehr früh den Schlachter Julius Rosenfeld und wurde schon bald nach ihrer Heirat, 1917, Witwe, als ihr Mann im 1. Weltkrieg in Frankreich fiel. Wann sie nach Minden verzog, ist nicht festzustellen. Sie wohnte zunächst in der Obermarktstraße 9 und ab 1938 hier im Hause ihrer Verwandten. Ende Juli 1942 sollte sie, wie 32 weitere Jüdinnen und Juden in Minden, verhaftet und in das KZ Theresienstadt deportiert werden. Sie wählte am 27. Juli 1942 den Freitod.

  • Im Haus Kampstraße 26 wohnte für zweieinhalb Jahre auch das jüdische Ehepaar Kahn, bevor es nach Riga deportiert wurde.

    Emil Kahn stammte aus Heidelberg-Rohrbach, wo er am 7. Oktober 1893 geboren wurde. Von Beruf war er Holzarbeiter. Über seinen beruflichen Lebensweg bis 1934 liegen keine Unterlagen mehr vor. Ab April 1934 arbeitete er bei der Firma Gebrüder Thalheimer in Wiedenbrück. Dieses Unternehmen befand sich in jüdischem Eigentum und wurde im November 1938 „arisiert“. Daraufhin wurde Emil Kahn als Jude entlassen. Er zog dann zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Frille, wo er im Haus Nr. 17 wohnte. Aus einer früheren Ehe hatte er drei Kinder: Friedrich Max, Fred genannt, Sophie und Anselm, die Deutschland rechtzeitig verlassen und so den Holocaust überleben konnten.

    Am 2. Juni 1939 heiratete er Käthe Meyer, die am 13. September 1905 in Frille geboren wurde. Sie war Hausgehilfin. Über ihren Lebensweg bis 1938 ist nichts bekannt. Am 1. September 1938 zog sie, wahrscheinlich aus Herford kommend, nach Minden, wo sie zunächst in der Ringstraße 26 wohnte. Nach der Heirat wohnten Emil und Käthe dann in der Kampstraße 26.

    Am 13. Dezember 1941 wurden 25 Mindener Jüdinnen und Juden, darunter auch das Ehepaar Kahn, von Bielefeld in das Ghetto Riga deportiert. Käthe wurde am 9. August 1944 von dort in das KZ Stutthof verlegt, wo sich ihre Spur verliert. Sie wurde zum 8. Mai 1945 für tot erklärt. Ihr Mann Emil wurde zunächst zu einem unbekannten Zeitpunkt ebenfalls nach Stutthof verlegt und von dort am 16. August 1944 in das KZ Buchenwald. Dort wurde er vermutlich am 21. Februar 1945 ermordet.

    Emil Kahn war Eigentümer eines Hauses in Heidelberg, das zwangsenteignet und „arisiert“ wurde. Nach dem Kriege wurde es an seine Kinder rückerstattet, die für die ebenfalls enteignete Einrichtung eine Entschädigung von 7.000,- DM erhielten.

  • Im Hause Kampstraße 27 befand sich bis 1938 die Praxis des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Eugen Leeser. Er wohnte hier auch mit seiner Familie.

    Eugen Leeser wurde am 17. März 1883 in Dülmen Kreis Coesfeld geboren. Er studierte in München, Berlin und Münster Rechtswissenschaften. Am 27. August 1906 trat er in den Justizdienst ein und wurde an mehreren westfälischen Gerichten ausgebildet. Am 23. Dezember 1912 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt, zunächst in Hagen, dann, am 12. März 1919, in Minden. Ein Jahr später erhielt er auch die Zulassung als Notar.

    Während seiner Referendarzeit leistete er seinen Militärdienst vom 1. Oktober 1906 bis zum 30. September 1907 beim Königlich Bayerischen Feldartillerie-Regiment in Fürth. Er verließ den Dienst als Unteroffizier. Während des Ersten Weltkriegs kämpfte er an verschiedenen Schauplätzen in Frankreich; 1917 wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse und dem Bayrischen Militärverdienstkreuz ausgezeichnet.

    Nach der Demobilisierung kam er nach Minden, wo er von nun an als Rechtsanwalt und Notar arbeitete. Er engagierte sich in der Mindener jüdischen Gemeinde, in der er stellvertretender Vorsitzender des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV)“ war. 1924 heiratete er die am 14. November 1891 in Münster geborene Elisabeth Meyer. Auch sie war Jüdin. Das Ehepaar bekam zwei Söhne: Der ältere, Hans, wurde am 11. September 1925 geboren, der jüngere, Gerhard, am 3. November 1926.

    1934 musste auch Eugen Leeser, wie alle Anwälte, den Treueeid auf den Führer Adolf Hitler leisten. Grundlage war das nach dem Tode des Reichspräsidenten Hindenburg erlassene „Gesetz über die Vereidigung der Beamten und Soldaten“ vom 20. August 1934. Seine Praxis litt dennoch unter den antijüdischen Boykottmaßnahmen. Am 14. November 1935 wurde ihm das Amt des Notars entzogen. 1938 wurde er auch aus seinem Beruf als Rechtsanwalt verdrängt; er durfte nur noch als „jüdischer Rechtskonsulent“ arbeiten und nur jüdische Mandanten vertreten.

    In der Anwaltspraxis von Eugen Leeser arbeitete ein zweiter jüdischer Rechtsanwalt, Dr. Gerhard Caspary. Dieser erhielt schon im Mai 1933 Berufsverbot und verließ rechtzeitig Deutschland; er emigrierte nach Brasilien und lebte nach dem Kriege in Sao Paulo.

    Eugen Leeser wurde, wie viele andere Juden, nach der Pogromnacht am 10. November 1938 von der Gestapo verhaftet. Er wurde zunächst nach Bielefeld und von dort in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Nur wenige Tage später, am 20. November 1938, ist er dort unter ungeklärten Umständen umgekommen. Die offizielle Todesursache lautete „Schlaganfall“. Seine Leiche wurde verbrannt. Das war üblich, um Nachforschungen der Angehörigen unmöglich zu machen. Die Urne wurde auf dem jüdischen Friedhof in Minden beigesetzt.

    Am 1. Dezember 1938 wurde Dr. Eugen Leeser nachträglich aus der Liste der Rechtsanwälte gestrichen.

    Seine Witwe, Elisabeth Leeser, lebte allein in der eigenen Wohnung weiter. Die beiden Söhne konnten 1938 als Zwölf- bzw. Dreizehnjährige mit einem der Kindertransporte Deutschland verlassen; sie kamen nach England und haben so das Naziregime überlebt. Die Unterlagen geben über das weitere Schicksal von Elisabeth Leeser keine eindeutige Auskunft. Sicher ist, dass sie nach der Verhaftung durch die Gestapo über Bielefeld in das Ghetto Riga und weiter in das Konzentrationslager Stutthof deportiert wurde. Ob ihre Verschleppung aus Minden am 13. Dezember 1941 oder im Sommer 1943 geschah, ist nicht zweifelsfrei festzustellen. Die Mindener Jüdin Meta Blau geborene Samuel, die nach dem Kriege nach Minden zurückkehren konnte, hat eidesstattlich versichert, Elisabeth Leeser in Stutthof gesehen und gesprochen zu haben. Sie habe gesehen, dass sie eines Tages zu einem Vernichtungstransport eingeteilt worden und nicht wieder zurückgekehrt sei. Elisabeth Leeser wurde amtlich zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.

    Nach der Verschleppung Elisabeth Leesers wurde der Hausrat der Familie beschlagnahmt. In dem Entschädigungsverfahren, das die beiden Söhne nach dem Kriege anstrengten, stellte sich heraus, dass das gesamte sehr wertvolle Eigentum weit unter Wert für 381,- RM von der Stadt Minden ersteigert worden war; der Erlös war an die Oberfinanzdirektion Münster geflossen. Wer die einzelnen Teile des Hausrats bekommen hat, war nicht mehr festzustellen. Die beiden Söhne erhielten als Erben eine Entschädigung von zusammen 2.000,- DM.

  • Im Hause Kampstraße 27 wohnten vor ihrer Deportation auch Dr. Max Meyer und seine Frau Elfriede. Hier war ihre letzte selbst gewählte Wohnung.


    Max Meyer wurde am 1. Juni 1885 als Kind jüdischer Eltern in Münster geboren. 1904 legte er dort am Städtischen Gymnasium das Abitur ab. Vermutlich zu diesem Zeitpunkt konvertierte er zum evangelischen Glauben. Ab 1904 studierte er Rechtswissenschaften in Freiburg, München, Berlin und Münster. 1907 schloss er sein Studium mit der Ersten Staatsprüfung ab; 1910 promovierte er zum Dr. jur. Bis 1919 vervollständigte er seine Ausbildung an verschiedenen westfälischen Gerichten, bevor er 1920 die Zulassung als Rechtsanwalt und 1925 die als Notar erhielt.

    1907/08 leistete er den Militärdienst beim 1. Bayrischen Infanterieregiment in München ab. Er nahm am 1. Weltkrieg als Offizier und Kompanieführer teil und wurde mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet.

    1919 heirateten Max Meyer und die am 3. Februar 1896 geborene Elfriede Feibes. Sie war und blieb Jüdin. Nach ihrem Abitur an der Evangelischen Höheren Töchterschule in Münster betreute sie während des Krieges Kleinkinder. Im Wintersemester 1918/19 begann sie ein Medizinstudium, das sie nach drei Semestern abbrach, als sie heiratete. Elfriede Meyer litt wohl schon seit den zwanziger Jahren an einer chronischen Erkrankung des Nervensystems, die sich weiter verschlimmerte und fast bis zur Erblindung führte. Sie war deshalb über einen langen Zeitraum pflegebedürftig.

    Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Friedrich, genannt Fritz, wurde am 9. Oktober 1921 geboren, seine Schwester Ursula am 27. Mai 1925. Beide konnten 1939 rechtzeitig aus Deutschland nach England emigrieren und so das Naziregime überleben.

    Die Familie wohnte in Münster in der Rudolfstraße 20, wo Dr. Max Meyer auch seine Anwaltspraxis betrieb. Das Haus war Eigentum seiner Frau.

    Max Meyer musste 1934 den Treueeid auf den „Führer“ Adolf Hitler leisten. Noch im Dezember 1934 (!) wurde ihm das „Ehrenkreuz für Frontkämpfer“ verliehen. Trotzdem wurde ihm 1935 die Zulassung als Notar entzogen, 1938 auch die als Rechtsanwalt. Bis Ende Januar 1939 durfte er nur noch als „jüdischer Rechtskonsulent“ tätig sein, danach war er berufslos.

    Nach der Pogromnacht 1938 erwog die Familie die Auswanderung aus Deutschland. Der Plan scheiterte, weil sie durch die erzwungene Zahlung der „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 52.000,- RM und der „Reichsfluchtsteuer“ sowie die Sperrung des restlichen Vermögens mittellos geworden war.

    Anfang 1940 zog Elisabeth Leeser, die Schwester Max Meyers, nach der Ermordung ihres Mannes Eugen Leeser von Minden nach Münster, wo sie im Hause des Ehepaares Meyer unterkam. Dieses Haus wurde im Juli 1941 bei einem Bombenangriff zerstört. Die Bewohner wurden in ein sog. „Judenhaus“ in Münster eingewiesen. Ende August 1941 durften Max und Elfriede Meyer zusammen mit Elisabeth Leeser nach Minden umziehen, wo sie jetzt im Hause Kampstraße 27 lebten, das Elisabeth Leeser gehörte. Am 1. Mai 1942 wurden sie in das jüdische Gemeindehaus in der Kampstraße 6, das von den Nazis zu einem der sog. „Judenhäuser“ Mindens umfunktioniert worden war, zwangseingewiesen.

    Am 28. Juli 1942 wurde das Ehepaar Meyer verhaftet und zusammen mit vielen anderen Jüdinnen und Juden aus Minden zunächst nach Bielefeld verbracht, von wo sie drei Tage später in das KZ Theresienstadt deportiert wurden. Einige Tage vor der Deportation verabschiedete sich Max Meyer von einem nichtjüdischen Bekannten in Minden mit den Worten: „Was habe ich Unrecht getan, dass wir so leiden müssen? Ich bin Kriegsbeschädigter und habe meine Gesundheit für mein Vaterland geopfert.“ Er kam am 29. Januar 1944 im KZ Theresienstadt um. Elfriede Meyer wurde am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie vermutlich gleich nach ihrer Ankunft ermordet wurde.

  • Wahrscheinlich seit 1939 wohnten im Hause Kampstraße 27 auch die jüdischen Schwestern Frieda und Emma Friederike Meier. Über sie sind nur sehr wenige Unterlagen überliefert. Ihre Eltern, Moritz Meier und Ida Meier geborene Blumenau, beide aus Minden, und auch ihr Bruder Julius starben vor der nationalsozialistischen Judenverfolgung. Da beide Schwestern unverheiratet blieben, hinterließen sie keine Nachkommen. Deshalb gab es nach dem Ende der Naziherrschaft offenbar niemand, der sich um die Aufklärung ihrer Schicksale bemüht hätte. Sicher ist, dass es nach 1945 keine Lebenszeichen von beiden mehr gab.




    Frieda Meier wurde am 2. November 1881 in Minden geboren, Emma Friederike Meier am 23. Februar 1885 ebenfalls in Minden. Beide wohnten von Geburt an im elterlichen Haus in der Marienstraße 14. Frieda erlernte den Beruf einer Kontoristin; sie arbeitete als solche im Kaufhaus Alfred Pfingst am Wesertor. Sie engagierte sich in der jüdischen Gemeinde und war Vorstandsmitglied im „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV)“. Emma Friederike war von Beruf staatlich geprüfte Krankenschwester und Masseurin.

    Wann die beiden Schwestern das elterliche Haus verlassen haben und unter welchen Umständen es geschah, ist nicht exakt zu ermitteln. Sicher ist, dass sie ab 1939 hier in der Kampstraße 27 wohnten. Wie alle Jüdinnen und Juden litten sie unter der zunehmenden Entrechtung und Verfolgung. Wann sie deportiert wurden und in welches Lager man sie verschleppte, ist nicht mehr zu ermitteln, auch nicht der Zeitpunkt ihres Todes. Sie sind verschollen.

  • Der für Carl Cramer gelegte Stolperstein wurde zwischen dem 5. und dem 7. März 2011 gewaltsam entfernt und gestohlen. Aus der Bevölkerung kam umgehend Unterstützung für die Beschaffung eines Ersatzsteines. Wir hben den Ersatzstein im Frühjahr 2011 wieder eingesetzt.

    Im Hause Kampstraße 25 lebte seit 1931 die jüdische Familie Cramer. Der Vater, der Kaufmann Carl Cramer, wurde am 18. Juni 1872 in Neuenkirchen geboren, die Mutter, Lina Cramer geb. Steinberg, am 23. Januar 1874 in Hohenwepel. Das Ehepaar hatte drei Söhne: Rudolf, geb. am 20. Januar 1906, Ludwig, geb. am 4. April 1908, und Berthold, geb. am 19. Januar 1918. Carl und Lina Cramer waren mit den beiden älteren Söhnen 1912 von Hohenwepel nach Minden verzogen und wohnten vermutlich zunächst in der Pionierstraße.

    Wahrscheinlich in den dreißiger Jahren erkrankte Carl Cramer psychisch. Art, Beginn und Verlauf der Krankheit lassen sich nicht dokumentieren, da seine Patientenakte nicht mehr auffindbar ist; vermutlich ist sie während des Krieges vernichtet worden. Fest steht aber, dass er am 4. März 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Gütersloh eingewiesen wurde. Von da an lässt sich sein weiterer Weg bestimmen.

    Am 1. September 1939 hatte Hitler in einem Geheimerlass die Ermächtigung zur Durchführung der Euthanasie gegeben. Am 30. August 1940 ordnete der damalige Reichsinnenminister an, dass alle jüdischen Patienten in den norddeutschen und westfälischen Heil- und Pflegeanstalten zum Landeskrankenhaus Wunstorf überstellt werden sollten. So kam Carl Cramer am 21. September 1940 zusammen mit weiteren elf männlichen und sechs weiblichen Patienten von Gütersloh nach Wunstorf. Sechs Tage später, am 27. September 1940, wurden 158 jüdische Patienten von Wunstorf in die Tötungsanstalt Brandenburg a. d. Havel deportiert, unter ihnen Carl Cramer. Er wurde dort noch am selben Tage in der Gaskammer ermordet.

    Dass Brandenburg der Tötungsort war, wurde erst später bekannt. Damals wurde den Angehörigen und auch den Heil- und Pflegeanstalten mitgeteilt, die Deportierten seien in die Irrenanstalt Cholm bei Lublin in Polen verbracht worden. Die Sterbeurkunden, die meist Lungenentzündung, Lungentuberkulose oder Fleckfieber als Todesursachen angaben, wurden auch von Lublin mit der Post versandt. Diese Irreführung sollte verhindern, dass Angehörige Nachforschungen anstellten.

    Lina Cramer musste nach dem Tode ihres Mannes ihre Wohnung verlassen und wurde, wie mehrere andere Jüdinnen und Juden, in das jüdische Gemeindehaus in der Kampstraße 6 zwangseingewiesen. Am 31. Juli 1942 wurden vermutlich über dreißig jüdische Menschen in Minden von der Gestapo verhaftet und zunächst nach Bielefeld und von dort in das KZ Theresienstadt deportiert. Unter ihnen befand sich auch Lina Cramer. Am 15. Mai 1944 wurde sie von dort mit dem Transport DZ-2151 nach Auschwitz deportiert. Hier wurde sie ermordet. Der Tag und die Umstände ihres Todes sind unbekannt. Sie wurde offiziell zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.

    Die drei Söhne des Ehepaares Cramer konnten rechtzeitig vor Kriegsbeginn Deutschland verlassen; sie haben das Naziregime überlebt.

  • In das Haus Kampstraße 12 zog zu einem unbekannten Datum während des Zweiten Weltkriegs das jüdische Ehepaar Ernst und Clara Weyl ein. Sie kamen aus Düsseldorf. Vermutlich wählten sie Minden als vermeintliche Zuflucht, weil in der Nachbarschaft in der Kampstraße 27 der Bruder und die Schwester von Clara lebten: Dr. Max Meyer und Elisabeth Leeser.

    Ernst Weyl, am 23. Juni 1873 geboren, wuchs in Bocholt auf, seine spätere Frau Clara Meyer, am 21. August 1882 geboren, in Münster. Ernst erlernte in der Bocholter Firma Weyl & Cohen den Kaufmannsberuf. Nach ihrem Verkauf im Jahr 1921 an die Karstadt AG war er dort als stellvertretender Vorstand tätig.

    Ernst und Clara heirateten am 3. September 1904. Aus der Ehe gingen 2 Kinder hervor: 1906 wurde der Sohn Werner geboren, 1911 die Tochter Gertrud Bernhardina. Beide Kinder haben Deutschland rechtzeitig verlassen und so den Holocaust überlebt.

    Am 5. November 1938 verzog das Ehepaar Weyl von Bocholt nach Düsseldorf. Von dort kam es während des Krieges nach Minden; es wohnte für kurze Zeit bis zu seiner Deportation im Jahre 1942 in dem später abgebrochenen Haus Kampstraße 12.

    Über das Schicksal des Ehepaares Weyl geben die Quellen teilweise widersprüchliche Auskünfte. Nach einer Quelle seien sie am 31. März 1942 nach Warschau deportiert worden und später in Minsk verschollen. Als gesichert können die Angaben zweier anderer Quellen gelten. Danach sind sie am 1. August 1942 über Bielefeld nach Theresienstadt deportiert worden, von wo sie am 23. September des Jahres mit einem Todestransport in das Vernichtungslager Treblinka verbracht wurden. Hier wurden sie ermordet.

königstraße

  • Im Hause Königstraße 39 wohnte seit 1931 das kinderlose jüdische Ehepaar Widawsky.

    Cheim Widawsky wurde am 28. August 1879 im polnischen Warta geboren, das zu der Zeit zum russischen Reich gehörte. Er war von Beruf Weber. Im 1. Weltkrieg kämpfte er in der russischen Armee; er geriet in deutsche Gefangenschaft und wurde   1915 zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Von 1915 bis 1918 arbeitete er in Beuel bei Bonn und Berlin. 1918 konnte er nach Polen zurückkehren, wo er am 5. Juni in Zdunska Wola Dina Berkowicz heiratete. Sie wurde am 15. Oktober 1880 hier geboren. Das Ehepaar zog im Juni 1920 nach Minden, wo es zunächst in der Simeonstraße 8 Wohnung fand; 1931 zog es dann in die Königstraße 39.   Cheim Widawsky fand zunächst bei der Firma Michelsohn Arbeit. 1923 machte er sich als Händler mit Textilwaren und Reisender selbstständig. Seine Frau war Hausfrau. 1931 stellte er für sich und seine Frau einen Einbürgerungsantrag, der aber abgelehnt wurde. Sie blieben somit polnische Staatsbürger.

    Am 28. Oktober 1938 wurden in der sog. „Polenaktion“ ungefähr 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich ausgewiesen und an die polnische Grenze abgeschoben. Zu ihnen gehörten neben weiteren Mindener Juden auch Cheim und Dina Widawsky.

    Weil Polen die Deportierten zunächst nicht aufnahm, vegetierten sie bei Kälte, Schnee und Regen im Niemandsland zwischen den Grenzen. Nach zwei Wochen öffnete Polen die Grenze und brachte die Ausgewiesenen ins Internierungslager Bentschen (polnisch: Zbasczyn). Nach dem deutschen Überfall auf Polen wurden sie mit unbekanntem Ziel deportiert, sehr wahrscheinlich nach Warschau. Hier verliert sich die Spur von Cheim und Dina Widawsky. Wo und wann sie umgekommen sind, ist nicht mehr festzustellen.

  • Im Haus von Frommet Rosenfeld in der Königstraße 37, das 1939 von den Nazis zu einem sog. „Judenhaus“ gemacht wurde, war auch die letzte frei gewählte Wohnung von Georg Emil Aronstein und seiner Ehefrau Käthe, Käthchen genannt. Sie lebten hier seit 1935 mit ihrer Tochter Ruth. Die Familie gehörte zur jüdischen Gemeinde.

    Georg Emil Aronstein wurde 1891 in Hamm geboren. Er war Bankkaufmann. Er nahm als Soldat am 1. Weltkrieg teil, aus dem er als Kriegsversehrter zurückkehrte. 1921 kam er nach Minden, wo er im selben Jahr Käthe Steinfeld heiratete. Sie wurde 1895 in Minden geboren. Ihr  Vater war Inhaber des Bankhauses Theodor Steinfeld & Co. in Minden. In dieses Bankhaus trat Georg Emil Aronstein als Mitinhaber ein. 1922 wurde Ruth als einziges Kind des Ehepaares geboren.  Die Familie wohnte bis 1927 in der Viktoriastraße 7, danach in der Kaiserstraße 31. Im Verlauf der großen Bankenkrise in Deutschland musste 1931 auch das Bankhaus Theodor Steinfeld & Co. geschlossen werden. Georg Emil Aronstein arbeitete seitdem als Rechtsberater und Vertreter und als Prokurist einer Hamburger Reederei. 1935 bezog er mit Frau und Tochter eine große Wohnung im Hause Königstraße 37.

    Seit der Machtübergabe an die Nazis 1933 litt auch die jüdische Familie Aronstein zunehmend unter Diskriminierung und Entrechtung. Tochter Ruth, die seit 1933 das Mindener Lyzeum besuchte, wurde 1938 wegen ihres jüdischen Glaubens der Schule verwiesen. Nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Georg Emil Aronstein durch die Gestapo verhaftet und einen Tag im Polizeigefängnis Minden inhaftiert. Danach wurde er ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, aus dem er am 12. Dezember 1938 zurückkehrte. 1939 stellte das Ehepaar einen Antrag auf Auswanderung nach Großbritannien, der von den deutschen Behörden abgelehnt wurde. Der Tochter Ruth gelang es, am 20. Juni 1939 mit einem der Kindertransporte nach England zu emigrieren; sie konnte so die Shoah überleben. Ihre Eltern wurden gemeinsam am 13. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Hier wurden sie zu einem nicht bekannten Zeitpunkt im Ghetto ermordet.

  • Das Haus Königstraße 37 hat eine besondere Vergangenheit. Es war ab Oktober 1939 eines der sogenannten „Judenhäuser“ in Minden. In diese Häuser wurden Jüdinnen und Juden, die man vorher aus ihren Wohnungen vertrieben hatte, zwangseingewiesen. Sie lebten hier in großer Zahl und in bedrückender Enge bis zum Tage ihrer Deportation in die Konzentrations- und Vernichtungs- lager.

    Dieses Haus war bis Oktober 1939 Eigentum und Wohnung von Frommet Rosenfeld, die Fanny genannt wurde. Sie wurde am 6. Juni 1863 als Frommet Beermann in Balge bei Nienburg geboren. Sie war Jüdin. Wann sie nach Minden kam, wissen wir nicht, sie ist aber seit 1903 in den Adressbüchern der Stadt verzeichnet. Über ihren Ehemann Albert Rosenfeld wissen wir, dass er Viehhändler war und vor 1937 verstorben ist. Das Ehepaar hatte drei Kinder: Tochter Else und  Sohn Berthold sind 1910 bzw. 1921 von Minden verzogen; die Schicksale der beiden sind ungeklärt. Tochter Johanne (oder Johanna) war mit dem Kaufmann Sally Selbiger aus Minden verheiratet; die Ehe wurde um 1928 geschieden. Sie wurde 1942 mit ihrem Sohn in das Ghetto Warschau deportiert, wo beide umkamen.

    Vor dem 21. April 1939 wurde Frommet Rosenfeld gezwungen, ihr Eigentum zu verkaufen; es wurde „arisiert“. Käuferin war die Witwe Auguste Jacke aus Hannover. Der Erlös kam aber nicht Frommet Rosenfeld zugute, sondern fiel an das Deutsche Reich.

    Am 31. Juli 1942 wurde Frommet Rosenfeld  zusammen mit vielen anderen Jüdinnen und Juden aus Minden zunächst nach Bielefeld verschleppt und von dort in das KZ Theresienstadt deportiert. Zirka 7 Wochen später, am 23. September des Jahres, wurde sie weiter in das Vernichtungslager Treblinka deportiert. Dort wurde sie ermordet. Über den Tag und die Umstände ihres Todes liegen keine Angaben vor.

    Frommet Rosenfeld hatte eine Enkelin: Die Tochter von Berthold, Anita, verheiratete Mamroth, geboren am 27. Juli 1924. Diese konnte rechtzeitig nach Frankreich fliehen und so der Verfolgung entgehen. Später lebte sie in den USA. 1952 wurde das Haus ihrer ermordeten Großmutter an sie zurück erstattet

  • Im Hause von Frommet Rosenfeld in der Königstraße 37 wohnten seit den 20er Jahren auch ihre Tochter Johanna und ihr Enkel Alfred, genannt Fredi, beide jüdischer Religion.

    Johanna wurde am 12. Januar 1897 in Minden geboren. Über die ersten beiden Jahrzehnte ihres Lebens liegen keine Informationen vor; möglicherweise hat sie einige Jahre in Berlin gelebt. 1924 heiratete sie Albert Selbiger, genannt Sally. Die Ehe wurde 1929 geschieden. Das Schicksal ihres Ehemannes ist nicht bekannt.

    Am 07. März 1925 wurde der Sohn Alfred geboren. Wahrscheinlich seit 1935 besuchte er die Mindener Knabenmittelschule, von der er am 15. November 1938 wegen seines jüdischen Bekenntnisses verwiesen wurde. Er begann danach eine Schlosserlehre. 1940, das genaue Datum ist nicht bekannt, zog er nach Hamburg, wo er im Grindelstieg 4 wohnte. Schon am 6. Juli des Jahres kehrte er nach Minden zurück, um sechs Wochen später erneut nach Hamburg umzuziehen. Noch im Jahre 1940 kam er wieder zurück in die Wohnung seiner Mutter.

    Hier lebten Mutter und Sohn noch bis zum 29. Juli 1942. An diesem Tage wurden sie verhaftet und nach Bielefeld transportiert. Zwei Tage später wurden sie zusammen mit vielen anderen Jüdinnen und Juden in das Warschauer Ghetto deportiert. Hier kamen beide um; ihre Todestage und die Umstände ihres Todes sind nicht bekannt.

  • Im Haus Königstraße 21 wohnten vermutlich seit 1917 Mutter und Tochter Leers. Sie stammten aus Emden, wo sie bis 1916 gemeldet waren. Seit 1919 sind sie in den Adressbüchern Mindens verzeichnet. Sie waren jüdischer Konfession.

    Die Mutter Johanna, auch Hannchen genannt, wurde am 2. August 1852 als Tochter von Michel und Jette de Beer in Emden geboren. 1875 heiratete sie den Lederfabrikanten Carl Anton Leers, der mit seiner Geschäftstätigkeit ein ansehnliches Vermögen erwarb.  Das Ehepaar blieb in Emden wohnhaft. Am 31. März 1882 wurde die Tochter Rosa geboren. Am 16. Februar 1916 verstarb der Ehemann. Daraufhin gaben Mutter und Tochter die Wohnung in Emden auf und ließen sich in Minden im Haus Königstraße 21 nieder. In den Adressbüchern der Stadt sind sie noch bis 1935 als Bewohner dieses Hauses verzeichnet. Tochter Rosa betrieb als Inhaberin ein Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft in der Obermarktstraße 32.

    Im Juni 1939 beantragte  Johanna Leers die Ausstellung eines Reisepasses, um auswandern zu können. Dieser Antrag wurde von der Stadt Minden und der Staatspolizei Bielefeld abgelehnt. Am 29. Juli 1942 wurden Mutter und Tochter verhaftet und nach Bielefeld abgeschoben, von wo sie zwei Tage später nach Theresienstadt deportiert wurden. Hier kam Johanna Leers unter ungeklärten Umständen am 20. August 1942 um. Rosa Leers wurde am 15. Mai 1944 weiter nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Tag und Umstände ihres Todes sind nicht bekannt.

markt

  • Ernst Lindemeyer wurde am 18. Juni 1884 in Petershagen geboren. 1921 heiratete er in Rößel in Ostpreußen die am 26. September 1894 in Barten (Kreis Rastenburg) in Ostpreußen geborene Gertrud Loewenstein.

    Ernst Lindemeyer war Apotheker und seit dem 1. September 1919 Inhaber der Löwenapotheke am Markt 8. In diesem Haus wohnte er auch mit seiner Familie, bis er – vermutlich nach der Auswanderung des 1922 geborenen Sohnes nach England und mutmaßlich zusammen mit seiner Frau – zu einem unbekannten Zeitpunkt in das ‚Judenhaus‘ an der Heidestraße 14 umziehen musste. Am 25. Juni 1936 wurde die Löwenapotheke zwangsweise verpachtet, wie es das „Gesetz über die Verpachtung und Verwaltung öffentlicher Apotheken“ vom 13. Dezember 1935 bestimmte. Am 11. Februar 1939 kam es zum Zwangsverkauf der Löwenapotheke. Bereits zuvor, vom 9. November bis zum 31. Dezember 1938, war Ernst Lindemeyer im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert gewesen. Der gesamte Hausrat und das gesamte Mobiliar wurden vom Finanzamt der Stadt Minden beschlagnahmt und dann an die Stadt Minden verkauft, welche alles ver-steigerte. Schließlich wurde auch der Familienschmuck zwecks öffentlicher Verwertung in die Pfandleihanstalt der Stadt Hannover gebracht, worüber am 31. März 1939 eine Bescheinigung ausgestellt wurde: Dort ist der Familienschmuck auf unbekannte Weise verschwunden.

    Am 8. Dezember 1941 wurde Ernst Lindemeyer nach Riga deportiert. Vermutlich mit demselben Transport wurde auch seine Ehefrau Gertrud dorthin verbracht. Dort sind Ernst und Gertrud Lindemeyer verschollen: Sie werden wie viele andere Juden auch die Liquidierung des Ghettos am 2. November 1943 nicht überlebt haben, sind im Ghetto Riga verschollen. Beider gesamtes Vermögen wurde durch das Deutsche Reich eingezogen.

marienstraße

  • Der jüdische Unternehmer Arthur Salomon wurde am 31. August 1876 in Minden als Sohn von Samuel und Henriette Salomon geboren. Er besuchte die höhere Schule bis zur mittleren Reife und absolvierte danach eine kaufmännische Lehre. Er blieb unverheiratet. Bis 1927 wohnte er im elterlichen Haus in der Immanuelstraße 16, danach in der Marienstraße 28.

    Zusammen mit seinem Bruder Max betrieb er die ererbte Rohproduktenhandlung Samuel Salomon am Königswall 5 bis 9. Zum Unternehmen gehörte auch das Firmengrundstück Festungstrasse 10. Gegenstand des Geschäfts war der Handel mit Altmaterialien verschiedener Art: Metalle, Textilien, Papier, Glas. Wir würden es heute als Recyclingunternehmen bezeichnen. Nach Max‘ Tod 1923 nahm er den jüdischen Kaufmann Max Weinberg als Mitinhaber in das Unternehmen auf. Sie arbeiteten sehr erfolgreich, so dass nicht nur das Unternehmen florierte, sondern Arthur Salomon auch privat in guten wirtschaftlichen Verhältnissen leben konnte, wovon eine überdurchschnittlich eingerichtete 4-5-Zimmer-Wohnung zeugte.

    Nach 1933 litt das Geschäft zunächst unter den antijüdischen Boykottmaßnahmen. Als die NS-Regierung die Bedeutung solcher Unternehmen für den Aufbau der Kriegswirtschaft und die Aufrüstung erkannte, begann die persönliche Verfolgung der jüdischen Inhaber mit dem Ziel, sie zu verdrängen und durch „arische“ Eigen-tümer zu ersetzen. Arthur Salomon wurde nach der Pogromnacht am 10. November 1938 mit vielen anderen jüdischen Männern Mindens in das KZ Buchenwald verschleppt, aus dem er nach Misshandlungen nach Minden, jedoch nicht in sein Geschäft, zurückkehren konnte. Das wurde im Dezember 1938 „arisiert“; es musste zwangsweise verkauft werden. Erwerber war der Mindener Kaufmann Fritz Berg. Das Unternehmen Samuel Salomon wurde am 15. Februar 1939 im Handelsregister gelöscht.

    Über das Schicksal Arthur Salomons geben die Quellen unterschiedliche Auskünfte. Eine Quelle sagt aus, er sei am 31. März 1942 nach Warschau deportiert worden und später in Minsk verschollen; eine andere nennt Theresienstadt als Ort seines Todes. Als gesichert kann die Auskunft des Internationalen Suchdienstes in Arolsen gelten, wonach er im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurde. Lt. dieser Auskunft kam er am 1. August 1942 mit Transport XI/1 in das Konzentrationslager Theresienstadt; am 23. September 1942 wurde er von dort mit der Transport-Nr. 483-XI/1 nach Treblinka überstellt. Dieser Transport mit der Bezeichnung „Bq“ galt nach einer Mitteilung des tschechoslowakischen Roten Kreuzes vom 25. Mai 1951 als Todestransport.

    Die Wohnungseinrichtung und das sonstige private Vermögen Arthur Salomons wurden nach seiner Deportation enteignet und versteigert.

    Sein Teilhaber Max Weinberg wurde im KZ Dachau ermordet; für ihn liegt ein Stolperstein vor dem Haus Heidestraße 14.

    In den 1950er Jahren machten drei Erbinnen Arthur Salomons, die das Naziregime überlebt hatten, Ansprüche auf Rückerstattung des „arisierten“ Unternehmens geltend. Kaufmann Fritz Berg, der damalige Erwerber, bezahlte insgesamt 36.000,- DM an sie, um damit ihre Ansprüche abzugelten.

obermarktstraße

  • Im Haus Obermarktstraße 19 existierte seit Anfang des 20. Jahrhunderts ein Bankgeschäft, das von dem jüdischen Kaufmann Moses Lilienthal begründet worden war. Von 1910 bis 1935 war Bruno Lilienthal der Inhaber. Ihm gehörte auch das Haus, in dem es neben Wohnungen auch eine Filiale der Lebensmittelkette Heinrich Hill AG gab.

    Ab wann Marcel Lilienthal hier wohnte, ist nicht mehr zu ermitteln. Über ihn geben die vorhandenen Quellen nur sehr spärliche Auskunft. Er wurde am 8. Januar 1922 in Berlin geboren. Er war Jude. Weder über seine Eltern noch über seine verwandtschaftliche Beziehung zu Bruno Lilienthal sind Unterlagen vorhanden. Sicher ist, dass er in diesem Haus gelebt hat.

    Wahrscheinlich bereits vor dem 2. Weltkrieg emigrierte er nach Frankreich. Nach der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht wurde er im Jahr 1940 verhaftet und im Lager Gurs in Südfrankreich interniert. Es ist möglich, dass Verhaftung und Internierung durch die französischen Behörden erfolgten. Zu einem unbekannten Zeitpunkt wurde er von Gurs in das Internierungslager Drancy bei Paris überstellt. Von hier wurde er am 4. September 1942 mit dem Transport Nr. 28 nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er ermordet. Tag und Umstände seines Todes sind nicht bekannt.

    Über das Schicksal des Bruno Lilienthal wissen wir nichts. Sein Haus in der Obermarktstraße 19 wurde enteignet und „arisiert“; Erwerber war die Heinrich Hill AG

  • Im Haus Obermarktstraße 9, dem Eigentum des Ehepaares Isidor und Rosa Simon, wohnte auch Sophia Neuhaus. Sie war Schwester von Rosa Simon und auch Jüdin. Sie stammte ebenfalls aus Werl-Scheidingen im Kreis Soest, wo sie am 4. Oktober 1882 als Tochter von Abraham und Mina Neuhaus geboren wurde. Sie blieb unverheiratet.

    Über ihre Zeit in Minden sind kaum noch Unterlagen vorhanden. So ist auch nicht mehr zu ermitteln, wann genau sie nach Minden zugezogen ist und ob diese Wohnung ihre erste in Minden war. Gesichert ist, dass sie in diesem Hause seit dem 27. Dezember 1936 lebte und, wie ihre Schwester, im Polsterei- und Tapeziergeschäft ihres Schwagers Isidor Simon arbeitete.

    Am 11. Dezember 1941 wurde Sophia Neuhaus verhaftet und nach Bielefeld verschleppt, von wo sie am nächsten Tag nach Riga deportiert wurde. Hier verliert sich ihre Spur; sie hat das Lager nicht überlebt. Ihr wahrscheinlicher Todestag ist der 16. Mai 1943.

  • Rosa Simon wurde am 19. April 1877 in Werl-Scheidingen Kreis Soest geboren; sie war Jüdin. Ihre Eltern waren der Händler Abraham Neuhaus und Mina Neuhaus geb. Spiegel. Sie war Schwester von Sophia Neuhaus. Als Jugendliche absolvierte sie eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten; sie war auch in diesem Beruf tätig. Am 17. Mai 1919 heiratete sie in Bielefeld den jüdischen Polsterer- und Tapeziermeister Isidor Simon, geboren am 25. Februar 1878 in Minden.

    Ab 1921 ist nachgewiesen, dass ihr Mann im Seitenflügel des Hauses Bäckerstraße 3 ein Etagengeschäft für Betten- und Baumwollwaren sowie eine Polsterei betrieb. Rosa Simon arbeitete im Verkauf und erledigte Buchhaltung und Korrespondenz. 1935 kaufte das Ehepaar das Haus Obermarktstraße 9, wo es jetzt wohnte und das Geschäft betrieb. Rosa engagierte sich – wie ihr Mann – in der jüdischen Gemeinde, in der sie stellvertretende Vorsitzende des Israelitischen Frauenvereins war.

    Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wirkten sich die antijüdischen Maßnahmen und Aktionen auch auf Geschäft und Familie der Simons aus. Kunden blieben aus, der Umsatz sank drastisch. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden Geschäft und Wohnung geplündert und demoliert. Isidor Simon wurde -wie viele männliche Mindener Juden- in das KZ Buchenwald verschleppt, aus dem er im Dezember wegen seines Alters und weil er im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, entlassen wurde.

    Das Ehepaar Simon wurde nun gezwungen, sein Geschäft aufzugeben, es wurde „arisiert“. Geschäftseinrichtung und Vorräte wurden zwangsweise durch einen Treuhänder an Konkurrenten verkauft, Haus und Grundstück erwarb der Tapezier-meister Reinhold Ströber, der hier nun ein Polster- und Dekorationsgeschäft betrieb. Der Erlös kam jedoch nicht dem Ehepaar zugute, sondern wurde auf ein Sperrkonto bei der Dresdner Bank in Minden eingezahlt. Von diesem Geld mussten die sog. Juden-vermögensabgabe und die „Reichsfluchtsteuer“ bezahlt werden. Die Vierzimmer-wohnung im bisher eigenen Haus musste das Ehepaar verlassen; es wurde gezwungen, zunächst in eine kleinere Wohnung in der Ritterstraße, dann in das sog. „Judenhaus“ in der Königstraße 37 umzuziehen. Hier wurden Rosa und Isidor Simon gemeinsam mit anderen Mindener Jüdinnen und Juden am 28. Juli 1942 verhaftet und nach Bielefeld abgeschoben; am 31. Juli wurden sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Rosa Simon starb dort am 5. Juni 1944. Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.

    Isidor Simon überlebte das Naziregime. Er wurde Anfang 1945 nach einer Intervention des Internationalen Roten Kreuzes mit einer größeren Gruppe von Juden aus Theresienstadt in die Schweiz abgeschoben und wanderte 1946 in die USA aus. Auf Grund des Rückerstattungsgesetzes der Bundesrepublik bekam er sein früheres Haus in der Obermarktstraße 9 zurück. Er verkaufte es dann 1951 im Vergleichswege für 8.ooo,- DM an den neuen Eigentümer, der es auch schon 1938 im Zuge der Zwangs“arisierung“ erworben hatte.

ORTSTRAßE

  • Wilhelm Dieckmann wurde am 1. Oktober 1858 als Sohn des Handarbeiters Heinrich Dieckmann und dessen Ehefrau Friederike Dieckmann geb. Rohde in Minden geboren. Er trug den zweiten Vornamen Heinrich. Die Familie wohnte zu der Zeit im Hause Minden Nr. 520 (heute: Umradstraße 5). Wilhelm wurde evangelisch getauft. Sein späterer Beruf war der eines Bäckereigehilfen. Er wohnte später in der Ortstraße 5. Am 18. Juni 1901 heiratete er in Hannover die Näherin Auguste Dorothee Emma Schulze. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Emma und Lina. Die Ehe wurde am 19. Juni 1913 geschieden.

    Ende 1940 befindet sich Wilhelm Dieckmann im Mindener Krankenhaus. Der behandelnde Arzt erstellt ein Gutachten, demzufolge er seit einigen Jahren Zeichen einer beginnenden Geisteskrankheit erkennen lässt. Er leide an Demenz und sei anstalts-pflegebedürftig. Daraufhin wird er am 16. Januar 1941 in die Provinzialheilanstalt Gütersloh aufgenommen, in der er bis Oktober 1943 bleibt. Die Krankenakte aus der Gütersloher Zeit attestiert ihm arteriosklerotische Demenz. In den Eintragungen wird er immer wieder als völlig desorientiert, verwirrt, gebrechlich, körperlich hinfällig bezeichnet; gleichzeitig heißt es, er sei meist ruhig, freundlich, zugänglich und leicht lenkbar. Im August 1942 tritt eine linksseitige Lähmung der unteren Extremitäten hinzu; danach ist er dauernd bettlägerig.

    Am 14. Oktober 1943 wird er in die Gauheilanstalt Warta verlegt, wo er mit einem Sammeltransport aus Gütersloh am 16. Oktober eintrifft. Warta in Polen gehörte unter der deutschen Besetzung zum sog. Reichsgau Wartheland. Die dort schon vorhandene Heil- und Pflegeanstalt war im Zuge der nationalsozialistischen Euthanasiepolitik zu einer der Tötungsanstalten umfunktioniert worden, in die Kranke aus Heilanstalten des Reichsgebietes verlegt wurden, um sie dort planmäßig zu ermorden. Die Euthanasieaktionen waren zwar 1941 offiziell eingestellt worden, doch wurden sie inoffiziell bis zum Kriegsende weitergeführt. Es gibt bis heute keine genauen Zahlen über die Opfer, doch müssen wir davon ausgehen, dass mehr als 200.000 kranke, behinderte oder sozial auffällige Menschen in „Heilanstalten“, Heimen und Krankenhäusern ermordet wurden.

    Wilhelm Dieckmann gehörte, wie mehrere andere kranke Menschen aus Minden, zu ihnen. Er starb in Warta am 29. Oktober 1943, zwei Wochen nach seiner Einlieferung. Die Todesumstände sind nicht bekannt. Der Totenschein nennt als Todesursache „Altersschwäche“.

pöttcherstraße

  • Am 11. September 1923 wurde Heinz Müller in Minden als Sohn von Christian Müller und dessen Ehefrau Minna Meta Müller, geb. Dreier, wohnhaft in der Pöttcherstr. 6, geboren. Er hatte noch fünf Geschwister. Der katholische Vater war Arbeiter und die evangelische Mutter Händlerin mit einem Wandergewerbeschein.

    Seit 1938 war Heinz Müller als ungelernter Arbeiter bei der Mindener Dachdeckerfirma MARANCA beschäftigt. Zu diesem Zeitpunkt war er 15 Jahre alt. Die Firma bescheinigte später, dass Heinz Müller ein fleißiger und zuverlässiger Arbeiter gewesen sei.

    Von den  Nazis wurde er als „Zigeunermischling“ eingestuft und im Zuge der „Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ im Spätherbst 1940 verschleppt. Zu diesem Zeitpunkt war Heinz Müller 17 Jahre alt.

    Mit der Häftlingsnummer H 9039 ist Heinz Müller später im KZ Auschwitz registriert worden, einer Nummer, die erst im Jahr 1943 im Lager ausgegeben wurde. Über die Aufenthalte nach seiner Verschleppung zwischen 1940 bis 1943 wurden keinerlei Hinweise gefunden.

    Laut Hauptbuch des Zigeunerlagers von Auschwitz (Männer) ist unter der Häftlingsnummer H 9039 das Datum seiner Ermordung festgehalten.  Unter  „Sterbedatum“ wurde der  09. März 1944 eingetragen. Heinz Müller wurde 21 Jahre alt.

    Die Eltern und Geschwister von Heinz Müller wurden im März 1943 nach Auschwitz verschleppt. Sie haben, schwer gezeichnet vom Terror, Auschwitz und andere KZ-Lager überlebt.

  • Karl Bentlage wurde am 20. Juni 1868 in Minden geboren. Er trug den zweiten Vornamen Heinrich. Sein Vater war der Glaser Johann Heinrich Bentlage, als dessen Beruf in anderen Dokumenten Schlosser genannt wird. Seine Mutter war Charlotte Luise Bentlage geborene Böger verwitwete Thomas. Karl wurde evangelisch-reformiert getauft. Er hatte sieben Geschwister. Zur Zeit seiner Geburt lebte die Familie in Minden „Am Bahnhof“. Er erlernte den Beruf des Buchdruckers, den er auch über mehrere Jahrzehnte ausübte, zuletzt als Maschinenmeister. Er blieb ledig. Seinen Wehrdienst leistete er beim Infanterie-Regiment Nr.15 in Minden ab. Von einem Zeitpunkt an, der sich aus den Unterlagen nicht exakt bestimmen lässt, lebte er in der Pöttcherstraße 13 bei seiner Schwester Friederike Bentlage. Einige Angaben in seiner späteren Krankenakte lassen vermuten, dass noch weitere Geschwister im selben Haushalt lebten.

    Mitte der 20er Jahre macht sich offenbar eine psychische Erkrankung bei Karl Bentlage bemerkbar. Sie könnte Folge eines Arbeitsunfalls gewesen sein, bei dem er sich Kopfverletzungen zugezogen hatte. Am 7. August 1927 wird er in das Mindener Krankenhaus eingewiesen, nachdem er lt. ärztlichem Bericht gegenüber seiner Schwester gewalttätig geworden war. Der behandelnde Arzt schreibt, dass seit ungefähr fünf Jahren starke Veränderungen mit ihm vorgegangen seien: Er sei misstrauisch und jähzornig geworden, zeige Wahnideen, habe kaum noch das Haus verlassen und darüber auch seine Arbeit vernachlässigt. Der Arztbericht spricht von einer „Gemeingefährlichkeit gegenüber seinen Schwestern“. In einem späteren Brief vom 15. Dezember 1928, als Karl bereits in einer Heilanstalt lebt, schreiben die Geschwister über diese Zeit, dass ihnen ihr Bruder „das Leben recht schwer gemacht“ habe, „was ja durch ärztliches Zeugnis bestätigt“ sei.

    Am 15. August 1927 erklärt die Polizeiverwaltung Minden, sie habe keine Bedenken gegen seine Unterbringung in einer Anstalt. Am 19. August 1927 wird Karl Bentlage in die Provinzialheilanstalt Gütersloh einge- wiesen. Der Aufnahmeschein bescheinigt „arterio-sklerotisches Irresein“ und fehlende Aussicht auf Genesung.

    In den folgenden Jahren geht aus seiner Krankenakte als stets wiederkehrende Beurteilung hervor: Er sei ruhig und geordnet, bei seinen Arbeiten auf dem Lager fleißig, er sei aber verschlossen, halte sich von den anderen Patienten fern, zeige mit fortschreitender Dauer seines Aufenthaltes in der Anstalt Wahnideen. 1941 nennt die Krankenakte ihn „autistisch“, es wird ihm Schizophrenie attestiert. Im Dezember 1942 zieht er sich bei einem Sturz einen Oberschenkelhalsbruch zu; er bleibt danach körperbehindert.

    Am 14. Oktober 1943 wird er aus Gütersloh entlassen, zwei Tage später wird er in die Gauheilanstalt Warta in Polen aufgenommen. Warta gehörte unter der deutschen Besetzung Polens zum sog. Reichsgau Wartheland. Die dort schon vorhandene Heil- und Pflegeanstalt war zu einer der Tötungsanstalten im nationalsozialistischen Euthanasieprogramm umfunktioniert worden. Man muss davon ausgehen, dass Patienten, die aus Heilanstalten im Reichsgebiet nach Warta verlegt wurden, für die Euthanasiemorde vorgesehen waren. Das gilt wohl auch für Karl Bentlage.

    Noch am 21. Februar 1944 erhält Friederike Bentlage auf Nachfrage den Bescheid aus Warta, der körperliche und psychische Zustand ihres Bruders sei unverändert, er sei ruhig, bereite keine Schwierigkeiten, habe guten Appetit und schlafe gut. Am 23. April 1944 stirbt Karl Bentlage. Über die Umstände seines Todes gibt es keine Informationen; der Totenschein nennt als Todesursache „Altersschwäche“.

    Bezeichnend ist folgender Umstand: Den Geschwistern Bentlage wurde telegraphisch mitgeteilt, die Beerdigung ihres Bruders sei am 27. April um 11 Uhr; die Telegramme kamen aber erst am 26.(!) April bei ihnen an, so dass Friederike Bentlage schreibt, wegen der zu knappen Zeit hätten die Geschwister nicht zur Beerdigung fahren können.

ritterstraße

  • In dem heutigen Eingangsgebäude des Mindener Museums befand sich bis 1939 das Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familie Werberg. Adolf Werberg hatte das Haus 1908 gekauft. Sein Sohn Leopold Maximilian Werberg, geboren am 24. Oktober 1891, erbte das Haus und betrieb hier ein Altwarengeschäft mit Schuhen und Konfektion. Mit ihm zusammen lebten seine Frau Bella geborene Philipp, geboren am 25. Juni 1898, und sein 1931 geborener Sohn Hans-Adolf.

    Gleich nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 kam es zu ersten antijüdischen Ausschreitungen und Boykottmaßnahmen, von denen auch Werbergs Familie und Geschäft betroffen waren. Beim Novemberpogrom 1938 wurden, wie in vielen jüdischen Geschäften und Wohnungen Mindens, auch bei Werbergs die Schaufenster zerschlagen und die Ladeneinrichtung demoliert. Leopold Maximilian Werberg wurde ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt und dort misshandelt; er kehrte schwer erkrankt nach Minden zurück. Er und seine Frau beschlossen daraufhin, den Sohn Hans-Adolf mit einem der Kindertransporte aus Deutschland herauszubringen; er gelangte nach England, später in die USA, und konnte so die Nazizeit überleben.


    Werbergs mussten das Haus 1939 zwangsweise an die Stadt Minden verkaufen. Der Kaufpreis in Höhe von 7.500 Reichsmark kam jedoch nicht der Familie Werberg zugute, sondern wurde von der Stadt einbehalten. 1952 wurde das Haus an den Sohn zurückerstattet und 1954 von der Stadt Minden zum zweiten Mal im Zuge der Museumserweiterung angekauft.

    Leopold Maximilian und Bella Werberg wurden im Dezember 1941 mit vielen anderen Mindener Jüdinnen und Juden in das Ghetto Riga deportiert. Dort kamen sie am 11. Februar 1942 um. Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.

  • Stolpersteine für die Familie Weiß werden im November 2013 verlegt.

    Die Biografien werden zeitnah hier veröffentlicht.

  • Das frühere Haus Ritterstraße 11 existiert nicht mehr. Es war das elterliche Haus der Jüdin Dina Heinemann, die vermutlich seit ihrer Geburt am 20. Februar 1872 hier gewohnt hat. Nach Abschluss ihrer Schulzeit absolvierte sie eine Lehre als Schneiderin. Sie blieb unverheiratet.

    Während der Zeit der Weimarer Republik war sie bekannt für ihr soziales Engagement. So wurde sie 1919 zur Vorsteherin des 14. Wohlfahrtsbezirks der Stadt Minden bestimmt. Dieses Engagement führte sie auch in die Politik und zur Sozialdemokratie. Vermutlich zu Beginn der Weimarer Republik wurde sie Mitglied des Ortsvereins Minden der SPD. Zweimal kandidierte sie bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung: 1924 und 1929. Aufgrund des damals bestehenden reinen Verhältniswahlrechts, bei dem nicht Personen, sondern Listen gewählt wurden, erreichte die SPD zu wenige Sitze, so dass sie nicht Stadtverordnete werden konnte.

    Nach dem 30. Januar 1933 lebte Dina Heinemann zunehmend isoliert. Als Sozialdemokratin und als Jüdin war sie doppelt vom Feindbild der Nazis betroffen. Sie wurde diskriminiert und ausgegrenzt, schließlich verfolgt und auch tödlich bedroht.

    Am 28. Juli 1942 wurde Dina Heinemann zusammen mit 31 anderen Jüdinnen und Juden aus Minden in das KZ Theresienstadt deportiert. Bereits einen Monat später, am 29. August 1942, kam sie dort um.
    Über die Umstände ihres Todes ist nichts bekannt.

  • Im Hause Ritterstraße 11 wohnte auch die Jüdin Käthe Löwy geb. Pincus, die Tochter von Amalie und Abraham Pincus. Die vorhandenen Akten sagen nur sehr wenig über sie aus.

    Käthe Pincus wurde am 22. Juni 1882 in Greifenhagen/Pommern geboren. (Das Gedenkbuch des Bundesarchivs nennt Greifenberg in Pommern als Geburtsort) Sie hatte einen Bruder, Gustav, der mit seiner Familie unter dem Naziregime nach Warschau deportiert wurde und dort umkam. Am 5. September 1911 heiratete sie in Berlin Max Löwy. Wann ihr Mann verstarb, ist unbekannt, aber sie war Witwe, als sie 1924 zusammen mit ihren Eltern von Hausberge nach Minden umzog, zunächst in die Simeonstraße 13. Seit 1939 wohnte sie, wie ihre Eltern, im Hause Ritterstraße 11. 1941 starb ihr Vater; er ist auf dem jüdischen Friedhof in Minden begraben.

    Zusammen mit ihrer Mutter wurde Käthe Löwy am 28. Juli 1942 verhaftet und nach Bielefeld abgeschoben. Am 31. Juli 1942 folgte unter der Transport-nummer XI/1-315 die Deportation in das KZ Theresienstadt. Hier wurde Käthe Löwy am 7. April 1944 ermordet. Wenige Tage vorher war auch ihre Mutter hier ermordet worden.

  • Bei den biographischen Angaben zu Amalie Pincus widersprechen sich die Quellen teilweise. Sie wird sowohl „Pincus“ wie auch „Pinkus“ genannt, ihr Geburtsname sowohl als „Posener“ wie als „Posner“ angegeben. Auch ihr Geburtsdatum und Geburtsort unterscheiden sich in den Quellen: Lt. AfW-Akte und Meldekartei wurde sie am 3. April 1861 (!) in Greifenberg Krs. Angermünde/Pommern geboren, lt. Gedenkbuch am 3. April 1860 (!) in Schwiebus/Pommern. Dennoch steht zweifelsfrei fest, dass alle Quellen von derselben Person sprechen. Die Widersprüche sind wahrscheinlich auf Fehler in der Aktenführung in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen

    Amalie Posener war Jüdin. Sie heiratete am 6. September 1881 den Kaufmann Abraham Pincus in Greifenhagen/Pommern. Sie blieb Hausfrau. Zwei Kinder aus der Ehe hatten später auch unter dem nationalsozialistischen Terrorregime zu leiden: Tochter Käthe, am 22. Juni 1882 geboren, führte nach ihrer Heirat den Namen Löwy; sie wurde am 7. April 1944 im KZ Theresienstadt ermordet. Sohn Gustav, geboren am 21. Oktober 1885, kam 1943 im Warschauer Ghetto um. Das Ehepaar Pincus muss noch eine weitere Tochter gehabt haben, über die allerdings keine Unterlagen vorliegen. Es ist zu vermuten, dass diese geheiratet hat und danach den Namen Meyer führte. Jedenfalls strengten nach dem Kriege auch drei Enkelkinder der Amalie Pincus, die alle den Geburtsnamen Meyer führten, erfolgreiche Wiedergutmachungsverfahren an.

    Wann das Ehepaar Pincus Pommern verließ, ist nicht exakt festzustellen. Sicher ist, dass es 1923 von Berlin nach Hausberge verzog, wo schon Sohn Gustav lebte.

    Im Sommer 1924 zogen Abraham und Amalie nach Minden um, zunächst in die Simeonstraße 13; 1935 wechselten sie in die Königstraße 51 und 1938 nach hier in die Ritterstraße 11. Im selben Haus wohnte auch ihre inzwischen verwitwete Tochter Käthe Löwy.

    Im Jahr 1941 starb Abraham Pincus; er ist auf dem Mindener jüdischen Friedhof beerdigt.

    Am 28. Juli 1942 wurde Amalie Pincus verhaftet und zusammen mit vielen anderen Jüdinnen und Juden nach Bielefeld abgeschoben. Drei Tage später wurde sie in das KZ Theresienstadt deportiert. Zum selben Transport gehörte auch ihre Tochter Käthe. Lt. Gedenkbuch wurde Amalie Pincus am 22. März 1944 dort ermordet. Die AfW-Akte sagt aus, sie sei in Theresienstadt verschollen und zum 8. Mai 1945 für tot erklärt worden.

    Nach der Deportation wurde ihre Wohnungseinrichtung enteignet und vom Finanzamt Minden an die Stadt Minden verkauft

simeonsstraße

  • Hier befand sich vor dem 2. Weltkrieg das Schuh- und Bekleidungsgeschäft der jüdischen Familie Kirschroth, die auch in diesem Hause wohnte. Die Eltern waren polnischer Herkunft. Der Vater, Samuel Kirschroth, wurde am 1. April 1893 geboren. Er kam während des 1. Weltkriegs als Kriegsgefangener nach Minden und lernte im Gefangenenlager seine spätere Frau Helene geborene Ingberg kennen, die dort als Dolmetscherin arbeitete. Sie, am 15. Juni 1898 geboren, war bereits als Kind mit ihren Eltern nach Minden gezogen. Zur Familie gehörten die drei Kinder Isidor, geboren am 11. Februar 1919; Herbert, geboren am 22. Dezember 1920; und Charlotte, geboren am 4. September 1923.

    Beide Eltern waren engagierte Sozialdemokraten. Partei- und Religionszugehörigkeit führten nach dem Beginn der Nazidiktatur dazu, dass die Familie zunehmend ausgegrenzt und bedroht wurde. Nach dem „Gesetz zur Aufhebung der Einbürgerung“ wurde den Kirschroths, wie allen osteuropäischen Juden, die während der Weimarer Republik eingebürgert worden waren, die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. 1938 erfolgte die Ausweisung.

    Am 28. Oktober 1938 wurde die Familie Kirschroth verhaftet und in ein Sammellager nach Hannover gebracht. Von dort wurde sie an die polnische Grenze deportiert und abgeschoben. Von dieser Deportation waren insgesamt 17.000 bis 18. 000 Juden betroffen, die, weil Polen sie zunächst nicht aufnehmen wollte, zehn Tage lang bei Schneetreiben und Frost zwischen den Grenzen umherirrten. Die Familie Kirschroth landete dann im Internierungslager Sbascyn/Bentschen. Von hier konnte der ältere Sohn Isidor nach Großbritannien ausreisen; er überlebte als einziges Familienmitglied. Im Mai 1939 durfte Helene Kirschroth noch einmal nach Minden reisen, um das Eigentum zu verkaufen; der Verkaufserlös wurde jedoch einbehalten.

    Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 gerieten Samuel, Helene, Herbert und Charlotte wieder unter Naziherrschaft, ihre Spur verlor sich, sie sind verschollen. Über ihr Schicksal können nur Vermutungen angestellt werden.

    Nach Verlegung der Stolpersteine erreichte den Arbeitskreis die folgende Information zum Schicksal der Familie Kirschroth, die auf Angaben des Sohnes Isidor beruht: Nach Auflösung des Lagers Sbascyn/Bentschen kurz nach Kriegsbeginn wurde die Familie in das Ghetto Miedzeszyn bei Warschau verlegt. Nach Kriegsende erhielt Isidor über die US-Army die Nachricht, dass dieses Ghetto nach dem Mai 1942 von der SS überfallen worden sei und dass alle Bewohner ermordet worden seien.

  • Im Haus Simeonstr. 16 (bis 1920 im Haus Kampstr. 20) wohnte die jüdische Familie Kutschinski. Die drei ältesten Kinder waren bereits nach Israel geschickt worden, als ihre Eltern, Moses Efraim Kutschinski und Paula Kutschinski geb. Ingberg, zusammen mit dem jüngsten Geschwisterkind Ferdinand am 28. Oktober 1938 nach Bentschen / Zbaszyn (Polen) deportiert wurden.

    Moses Efraim Kutschinski wurde am 6. Januar 1889 in Lubranice (Polen) geboren. Er war Maßschneider für Herrenkonfektion, betrieb aber auch ein Geschäft für Arbeitskleidung und -schuhe. Im November 1916 heiratete er Paula (Perla) Ingberg, die am 14. Mai 1895 in Lbaszipin im Bezirk Warschau (Polen) geboren worden war. 1917 wurde der älteste Sohn, 1920 dann eine Tochter, 1921 ein weiterer Sohn geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie nach Israel ausgewandert waren. Der jüngste Sohn, Ferdinand Kutschinski, wurde am 16. April 1925 wie seine Geschwister in Minden geboren. Kurz nach der Deportation wurde in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 das Geschäft der Familie geplündert, auch die Wohnungseinrichtung wurde zertrümmert. Vom 12. April bis zum 18. Juni 1939 kam Moses Efraim Kutschinski noch einmal nach Minden zurück, um die Vermögens- und Geschäftsverhältnisse seiner Familie abzuwickeln. Nach der Rückkehr nach Bentschen / Zbaszyn (Polen), wurde er nach dem Überfall NS-Deutschlands auf Polen vom 1. September 1939 im Zuge des Einmarsches deutscher Truppen zusammen mit seiner Frau in das Judenlager Hermannsbad (Zsorcinek, Warthegau) verlegt. Der vierzehnjährige Ferdinand Kutschinski wurde vermutlich zu diesem Zeitpunkt, auf jeden Fall aber im Jahr 1939, von seinen Eltern getrennt: Er kam nach Lbaszipin (Polen), von wo er Ende 1941 ins Judenlager Hohensalza (Polen) verbracht wurde. Seine Eltern wurden 1942 vermutlich von der SS verschleppt und ermordet. Das letzte Lebenszeichen von Ferdinand Kutschinski stammt vom Sommer (9. Juli oder 9. August) 1942.


    Seinem Onkel Max Ingberg aus Minden, der als Jude und Sozialdemokrat verfolgt wurde und deshalb nach Belgien in den Untergrund abgetaucht war und so überlebte, schickte Ferdinand Kutschinski eine Postkarte, mit der er seinen Onkel bat, das Internationale Rote Kreuz in die Suche nach seinen Eltern einzuschalten. Ab hier verliert sich seine Spur wie die seiner Eltern. Alle drei wurden in den späten 1940er Jahren zum 8. Mai 1945 für tot erklärt.

  • Hedwig Frieda Hempel wurde am 3. Mai 1915 als Tochter des selbstständigen Kaufmanns Fritz Hempell [!] und seiner Ehefrau Frieda geb. Marpé geboren. Sie trug, wohl wegen eines fehlerhaften Eintrags in ihrer Geburtsurkunde, den Namen Hempel. Sie wurde evangelisch getauft. Bis zum Alter von knapp 4 Jahren lebte sie bei den Eltern in der Simeonstr. 29. Hedwig Frieda Hempel war von Geburt an stark behindert, sowohl körperlich als auch geistig. Aus diesem Grunde wurde sie am 28. Januar 1919 in das damals so genannte „Blödenheim“ des Wittekindshofes aufgenommen. Hier lebte sie mehr als 22 Jahre.

    Ihre Krankenakte sagt aus, dass ihr körperliches Befinden trotz ihrer starken Behinderungen stets gut gewesen sei. Sie wird dort als freundlich, zugänglich und zutraulich beschrieben; es heißt mehrfach, sie sei im allgemeinen ruhig und zufrieden. Ihr Gewicht ist lt. Krankenakte in diesen Jahren normal.

    Im November 1941 werden die meisten Pfleglinge des Wittekindshofes auf politische Anweisung in andere westfälische Anstalten verlegt. So kommt auch Hedwig Frieda Hempel am 4. November 1941 in die Heil- und Pflegeanstalt Gütersloh. Es ist anzunehmen, dass diese Verlegung in der Absicht geschah, sie im Vollzug der Euthanasieaktionen als „lebensunwerte Person“ zu töten. Diese Aktionen waren zwar im August 1941 offiziell eingestellt worden, doch wurden sie unter strengerer Geheimhaltung bis zum Ende des Naziregimes weiter betrieben.

    In Gütersloh verschlechterte sich der Gesundheitszustand Hedwig Frieda Hempels dramatisch. Schon nach kurzer Zeit vermerkt ihre Krankenakte eine starke Gewichtsabnahme und eine erhebliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes. Am 21. März 1942 liegt sie lt. Krankenakte im Sterben; am 25. März stirbt sie. Todesursache lt. Totenschein: „Marasmus bei Idiotie.“ ( M.: Entkräftung)

    Im Friedhofsbuch der Anstalt Gütersloh ist ihre Beisetzung im Grab Nr. 762 vermerkt. Das Grab ist nicht mehr auffindbar.

steinstraße

  • Robert Nußbaum wurde am 30.Mai 1892 in Straßburg, das zur damaligen Zeit zum Deutschen Reich gehörte, geboren. Seine Eltern waren der Gymnasialprofessor Moritz Nußbaum ubnd Ida Nußbaum geborene Koppel. Er hatte noch eine Schwester. Die Familie gehörte zur jüdischen Gemeinde.

    Robert Nußbaum studierte Medizin. 1914 meldete er sich freiwillig zum Militär; er machte den Ersten Weltkrieg mit, zunächst als einfacher Soldat, später als Unterarzt. Er wurde verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Nach der Entlassung aus dem Militär im November 1918 arbeitete er freiwillig im Straßburger Lazarett. 1919 wurde er als Deutscher aus dem französisch gewordenen Elsass ausgewiesen. Er schloss sein Medizinstudium in Tübingen ab und arbeitete danach als Arzt in Esslingen, Düsseldorf und Dortmund, wo er sich vor allem der Kinder- und Säuglingsfürsorge widmete. 1923 beteiligte er sich am passiven Widerstand gegen die französische Besatzung im Ruhrgebiet und floh vor der drohenden Verhaftung nach Minden.

    Seit 1923 lebte Robert Nußbaum mit seiner Frau Dora, geborene Quirin, in Minden. Dora Nußbaum war Christin. Sie hatten drei Kinder: Heinrich, geboren 1924; Günter, geboren 1925, und Anneliese, geboren 1928. Die Familie lebte zunächst in der Königstraße 74, später in der Steinstraße 9, Ecke Stiftstraße. In diesem Haus befand sich auch die ärztliche Praxis.

    Robert Nußbaum war Mitglied der SPD. Pfarrer Wilhelm Mensching bezeichnete ihn als „äußerst engagierten, sozial verantwortungsbewussten und tatkräftigen Arzt“, der sich in der Arbeit mit Alkoholikern und Tbc-Kranken engagierte. Er war in Minden sehr angesehen, hoch geachtet und sehr beliebt. Schon 1923 wurde er zum Stadtarzt berufen, 1932 zum Gerichtsarzt des Versorgungsgerichts.

    Gleich nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten beginnen die Schikanen gegen Robert Nußbaum als Jude und als Sozialdemokrat. 1933: Ausschluss durch Polizeiverfügung aus dem Elternbeirat der Bürgerschule II wegen seiner Mitgliedschaft in der SPD. 1934: Ausschluss vom ärztlichen Sonntagsdienst durch die Kassenärztliche Vereinigung Minden als „nichtarischer“ Arzt. 1937 wird Robert Nußbaum anonym beschuldigt, Kollegen beleidigt zu haben; daraufhin erfolgt eine Maßregelung durch die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands. Zwei Mindener Kollegen erstatten Anzeige gegen ihn, wollen diese aber zurückziehen, wenn er Minden verlasse. Er weigert sich und bestreitet in der Verhandlung vor dem Mindener Amtsgericht die angeblichen Beleidigungen. Er wird dennoch wegen Beleidigung zweier Ärzte zu einer Geldstrafe, ersatzweise Gefängnis verurteilt; Robert Nußbaum geht in die Berufung. Am 14. Juli 1937 wird er noch vor dem Termin der Berufungsverhandlung verhaftet. Im August 1937 wird die Berufung verworfen; Robert Nußbaum wird zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Er wird danach bis zu seinem Tode am 15. April 1941 nicht mehr frei gelassen.

    Ende 1937 wird Robert Nußbaum wegen sogenannter „Rassenschande“ von einer Patientin angezeigt. Über die einzige „Zeugin“ schreibt die Staatspolizei, mit ihr stimme „irgendetwas nicht in geistiger Beziehung“; auch die ärztlichen Gutachter bezeichnen sie „in gewissem Sinne als Psychopathin“. Im Prozess vor dem Bielefelder Landgericht im Frühjahr 1938 bestreitet Robert Nußbaum den Vorwurf, er wird trotzdem zu drei Jahren Zuchthaus, drei Jahren Ehrverlust und fünf Jahren Berufsverbot verurteilt. Er geht in die Revision. Am 30. Mai 1938 hebt das Reichsgericht das Urteil auf und verweist den Fall an das Landgericht Bielefeld zurück, das ihn am 11. September 1938 erneut zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

    Von Dezember 1938 bis Februar 1941 sitzt Robert Nußbaum in den Zuchthäusern Münster und Kassel ein. Während dieser Zeit reichen seine Ehefrau und seine Mutter mehrere Gnadengesuche für ihn ein und beantragen die Erlaubnis zur Auswanderung für ihn und die Familie. Am 14. Februar 1941 wird Robert Nußbaum nach Verbüßung der Strafe aus dem Zuchthaus entlassen und sofort in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Hier stirbt er unter ungeklärten Umständen am 15. April 1941. Die offizielle Todesursache lautet: Brustfellentzündung.

videbullenstraße

  • Josef Schweid wurde am 1. Dezember 1902 in Warschau (Polen) geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war er als selbständiger Vertreter/Generalvertreter tätig. Er wohnte in der Videbullenstr. 22. 1938 wurde er vom NS-Regime als polnischer Staatsbürger verhaftet und an die polnische Grenze abgeschoben. Von dort konnte er sich bis in seine Geburtsstadt Warschau durchschlagen. Im Sommer 1939 kam er mit der Genehmigung der deutschen Behörden noch einmal nach Minden zurück, um seine Geschäfte und privaten Angelegenheiten abzuwickeln. Bevor er Ende August wieder nach Warschau reisen will, wird er – vermutlich am 1. oder 2. September 1939, als NS-Deutschland gerade Polen überfallen hatte – verhaftet und ins Konzentrationslager Oranienburg deportiert. Am 28. Mai 1942 wurde Josef Schweid im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet: Er wurde auf Befehl erschossen. Seine verwitwete Mutter sowie seine acht jüngeren Geschwister schafften es, nach New York auszuwandern. Auch Josef Schweid hatte für seine Auswanderung in die USA bereits im Sommer 1938 Vorsorge getroffen und war von den amerikanischen Behörden bereits in eine Liste Einwanderungswilliger aufgenommen worden und hatte den Bescheid erhalten, sich jederzeit für seine Auswanderung bereit zu halten.

  • In der Videbullenstraße 22 lebte auch das jüdische Ehepaar Moritz und Meta Hartogsohn.

    Moritz Hartogsohn wurde am 9. Oktober 1877 in Emden geboren. Er besuchte dort die Höhere Schule und erlernte nach dem Abschluss den Beruf des Tabakwarengroßhändlers. Seit 1905 betrieb er in Emden selbstständig einen Großhandel und ein Importgeschäft für Rohtabak; er war an den Warenbörsen zugelassen. Außerdem war er selbstständiger Vertreter einschlägiger Firmen in Bremen und Hamburg. Am 3. Oktober 1907 heiratete er die am 9. April 1882 in Bielefeld geborene Meta Ahrendt. Sie bekamen am 10. Juli 1908 ihren Sohn Walter. Moritz nahm als Soldat von 1914 bis 1918 am 1.Weltkrieg teil. Er wurde zum Vizefeldwebel befördert und mit dem EK II sowie dem Frontehrenkreuz ausgezeichnet.

    Im März 1915 zog die Familie nach Minden um. Moritz Hartogsohn gründete in der Königstraße 77, wo die Familie auch wohnte, ein Geschäft für Tabakimport und -großhandel und betrieb daneben auch ein Einzelhandelsgeschäft für Tabakwaren. Er galt bald als bekannter und erfolgreicher Geschäftsmann, so dass die Familie in einer außerordentlich guten wirtschaftlichen Lage lebte. Nach 1933 litten Familie und Geschäft unter den zunehmenden Verfolgungs- und Boykottmaßnahmen. In deren Folge musste Moritz Hartogsohn 1936 sein Geschäft aufgeben. Im März 1938 oder Frühjahr 1939 (der genaue Zeitpunkt lässt sich nicht feststellen) stellte er einen Auswanderungsantrag nach Holland. Hier lebte seit 1933 der Sohn Walter, dem rechtzeitig die Emigration gelungen war. Die Auswanderung wurde jedoch nicht genehmigt. Für den Antrag hatte Moritz Hartogsohn bei der Oberfinanzdirektion Münster eine Aufstellung seines Vermögens und seines Auswanderergutes einreichen müssen. Diese Aufstellung bestätigte, dass die Familie in einem überdurchschnittlich gut eingerichteten Haushalt lebte.

    Nach Kriegsbeginn musste das Ehepaar wie viele andere Jüdinnen und Juden seine Wohnung aufgeben und in das sog. „Judenhaus“ in der Königstraße 37 umziehen, wo sie in großer Enge und unter vielen Schikanen lebten. 1941 stellte Moritz Hartogsohn einen Einwanderungsantrag in die USA beim amerikanischen Konsulat in Stuttgart; durch den Kriegseintritt der USA wurde dieser Antrag hinfällig.

    Zum weiteren Schicksal von Meta und Moritz Hartogsohn gibt es zwei sich teilweise widersprechende Quellen. Nach der einen wurden sie Ende 1941 oder Anfang 1942 verhaftet und in das Ghetto Riga deportiert, von wo sie später gemeinsam weiter in das KZ Theresienstadt deportiert wurden. Von hier wurden sie in das KZ Auschwitz verschleppt, wo sie ermordet wurden. Nach der anderen Quelle wurden sie am 28. Juli 1942 verhaftet und nach Bielefeld verschleppt; von hier wurden sie am 31. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo Moritz Hartogsohn am 10. November 1943 umgekommen ist. Seine Frau Meta wurde nach dieser Quelle weiter nach Auschwitz deportiert, wo sie am 15. Mai 1944 ermordet wurde. Beide wurden zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt.

    Wie alle Jüdinnen und Juden verlor auch das Ehepaar Hartogsohn mit der Verhaftung und Deportation alle Rechte an seinem Eigentum. Es wurde beschlagnahmt und von der Stadt Minden weit unter Wert versteigert, wobei ein großer Teil des wertvollen Hausrats und Schmucks spurlos verschwand. Am 13. Oktober 1942 überwies die Finanzkasse Minden 241,- RM als Hausratserlös aus der Versteigerung an die Oberfinanzkasse Münster. Sohn Walter, der das Naziregime und den Holocaust überlebte, erhielt nach dem Kriege dafür eine Entschädigung von 7.000,- DM.

weingarten

  • geb.: 10.09.1913 in Paderborn; zuletzt wohnhaft in Minden, Weingarten 54.

    Sein Vater war der Händler und Schirmflicker Konrad Wagener, am 16.10.1887 in Verden/Aller geboren. Der Vater besaß einige Pferde, mit denen er seine Waren transportierte und sie zum Verkauf anbot. Später werden die Pferde beschlagnahmt und der Besitz enteignet.

    Seine Mutter war die Händlerin Frieda Wagener geb. Wenig, am 05.05.1886 in Aschersleben geboren. Auch sie war im Wandergewerbe tätig. Willi wird als uneheliches Kind geboren.

    Willi Wenig war von Beruf Schlosser. Sein Vater hielt große Stücke auf ihn. Er war gut aussehend und trat öffentlich sehr selbstbewusst auf. Da er beruflich immer wieder in verschiedenen Orten ambulant als Schlosser tätig war, weist sein Lebensweg einige Brüche auf. Von seinem Verdienst konnte er seinen Vater und andere Angehörige unterstützen.

    Als die Umsetzung des so genannten Auschwitz-Erlasses Heinrich Himmlers erfolgt, nach dem „Zigeunermischlinge“, Sinti und Roma „Zigeuner“ und nicht deutschblütige Angehörige nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen sind. Dieser Personenkreis wird kurz als ‚zigeunerische Personen‘ bezeichnet. Die Einweisung erfolgt rücksichtslos in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau II (Zigeunerlager). Die Personen sollen als komplette Minderheit vernichtet werden.

    Dieser Erlass wird auch Willi Wenig, genannt Wagener zum Verhängnis. Obwohl es an den Vater eine Warnung des Mindener Kripobeamten Fleßner gab, dass man sich in Sicherheit bringen solle, es seien Verhaftungen geplant, nahm Willi Wenig die Warnung nicht ernst genug. Als die Polizei, für ihn doch überraschend, auftaucht, bleibt für eine Flucht durch das Fenster keine Zeit mehr.

    Am 1.März 1943 wird Willi Wenig auf Anordnung des Reichskriminalpolizeiamtes Berlin festgenommen und als Zigeunermischling mit anderen „Zigeunern“ nach Hannover verbracht und von dort weiter nach Auschwitz transportiert. In Auschwitz erhält Willi Wenig laut dem Verzeichnis im „Auschwitzbuch“ die Häftlingsnummer Nr. 418 und ist dort unter den unmenschlichen Behandlungen durch das Wachpersonal und durch die dort herrschenden katastrophalen hygienischen Verhältnissen umgekommen.
    Als Sterbedatum hat der internationale Suchdienst in Arolsen den 25.10.1943 festgestellt.
    Er war zum Zeitpunkt seines Todes 30 Jahre alt

  • Die Verlegung der Stolpersteine erfolgt im November 2013. Die Biografie wird zeitgerecht hier veröffentlicht.

weserstraße

  • Alexander Strauß, geb. am 6. 10. 1883 in Schewitz Kreis Treblitz. Otto Strauß, geb. am 27. 10. 1911 in Schötmar, beide zuletzt wohnhaft Minden, Weserstr. 12.

    Alexander Strauss war katholisch. Laut Trauregister der Domgemeinde Minden heiratete er am 21. April 1908 Alwine Louise Fischer, die am 26.08. 1889 in Bruchhausen/Kreis Hoya geboren wurde. Der Ehe entstammten 5 Kinder.

    Alexander Strauß war als Pferdehändler tätig, nebenberuflich besaß er eine Drehorgel. Er besuchte Messen und Märkte und galt als tüchtiger Geschäftsmann mit guten Verdiensten. Er lebte mit seiner Familie in gut situierten Verhältnissen und galt als vermögend.

    Am 3. 3. 1943 wurde Alexander Strauß mit seiner Frau Alwine Louise und seinen Kindern aufgrund der Umsetzung des Himmler-Erlasses ins KZ Auschwitz verbracht. Dieser Erlass beinhaltete Sinti, Roma und Zigeunermischlinge in KZs zu verbringen und sie dort zu töten. Ein Beamter der Kripo in Minden, Fleßner, hatte Alexander Strauss vor der stattfindenden Verhaftungsaktion gewarnt. Dieser nahm die bevorstehende Verhaftung zwar zur Kenntnis, wollte aber nicht so sehr daran glauben. Schließlich sei er ein angesehener Mann, habe ein gutes Gewerbe für das er seine Steuern zahle und habe sich nichts vorzuwerfen. Morgens um 4.30 Uhr wurde die ganze Familie neben anderen Mindener Sinti verhaftet und in das Gerichtsgefängnis in Minden eingeliefert. Am 4. 3. 1943 wurden sie nach Hannover überführt und von dort weiter in das Konzentrationslager Auschwitz verbracht.

    Alexander Strauss erhielt laut Eintrag im Hauptbuch des Zigeunerlagers (Männer) die Häftlingsnummer 426.Sein Sohn Otto Strauss bekam die Nr. 425.

    Während Alwine Strauß und vier ihrer Kinder Auschwitz und andere KZ-Lager überleben, werden Alexander Strauß und einer seiner Söhne, der gehbehinderte Otto Strauß, die Hölle Auschwitz nicht überleben. Otto stirbt nach fast 8 Wochen an den Lagerbedingungen laut Zeugenaussagen am 27. 04. 1943 an Flecktyphus.

    Laut Zeugenaussagen und Aussagen der überlebenden Familienangehörigen wird Alexander Strauß von den Wachleuten misshandelt. Er erhält, über den berüchtigten Bock gelegt, Knüppel- und Peitschenhiebe besonders auf die Nieren. Er stirbt unter Qualen in den Armen seines Jüngsten Sohnes Heino Strauss am 31. 12. 1943. Als Todesursache wurde Herz- und Blutkreislaufschwäche angegeben.

    Hans Strauss sagte bei der Verlegung der Stolpersteine am 12. 3.2011:
    „Wir möchten dazu anmerken:
    Der Stolperstein soll eine Mahnung sein. Er darf nicht dazu verwendet werden, Hass zu schüren.
    Der Name Fleßner ist seit dieser Zeit ein Begriff in unserer Familie, ein Name, den auch mittlerweile unsere Kinder kennen. Herr Fleßner hat nicht nur unseren Großvater gewarnt, sondern die schon eingezogenen Ausweise an den ältesten Sohn unseres Großvaters ausgehändigt. Mit einer Art von ihm persönlich ausgeschriebenen Passierschein konnte unser Onkel Hugo Strauss mit seiner Ehefrau Dorothea Strauss ins Ausland flüchten. Deshalb müssen wir auch der Helfer gedenken, die in dieser gefährlichen Zeit ihr eigenes, aber auch das Leben ihrer Familie aufs Spiel setzten.“

wilhelmstraße

  • Unter den jüdischen Bewohnern des Hauses Wilhelmstr. 18 war auch Albert Müller, der letzte Vorsitzende der Synagogengemeinde Minden. Er wurde am 26. März 1869 in Groß Rhüden in der Provinz Hannover geboren. Wann er nach Minden verzogen ist, ist nicht mehr exakt feststellbar, auch nicht, wann seine erste Frau verstorben ist. Aus dieser Ehe ging die 1899 geborene Tochter Erna hervor, die mit ihrer Familie ebenfalls in diesem Hause lebte. In zweiter Ehe war Albert Müller mit Agnes Rosenthal verheiratet, die 1898 in Bielefeld geboren wurde. Sie starb am 22. Dezember 1940 in Minden.

    In der jüdischen Gemeinde war Albert Müller über viele Jahre aktiv als Vorsitzender des Vereins zur Unterstützung armer Durchreisender.

    Albert Müller war Kaufmann und betrieb ein Geschäft für Putz- und Modewaren, vor allem Hutmoden. Das Geschäft, in dem er mehrere Angestellte beschäftigte, befand sich zunächst in der Bäckerstr. 9, ab 1929 in der Hohnstraße 23. Ihm gehörte auch das Wohnhaus Wilhelmstraße 18.

    Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten litten auch das Geschäft und die Familie unter den antijüdischen Boykottmaßnahmen. 1937 (nach einer anderen Quelle 1938) musste Albert Müller im Zuge der „Entjudung der deutschen Wirtschaft“ sein Geschäft verkaufen, es wurde „arisiert“ und nun als Modehaus von Frau Elsa Kaster betrieben. 1939 wurde er gezwungen, auch sein Wohnhaus in der Wilhelmstraße 18 an eine „arische“ Deutsche zu verkaufen; Käuferin war die Ärztin Dr. Luise Laup aus Minden. Vom Erlös musste er eine sog. Judenvermögensabgabe in Höhe von 4.000,- RM an das Deutsche Reich abführen. Der Rest wurde auf ein Sperrkonto eingezahlt, so dass er nicht darüber verfügen konnte; auch dieses Guthaben fiel nach seiner späteren Deportation an das Deutsche Reich. Das Ehepaar Müller wurde in eines der sog. „Judenhäuser“ zwangseingewiesen, zunächst in der Heidestraße 21, dann in der Königstraße 37.

    Am 22. Dezember 1940 starb Agnes Müller. Über das Schicksal Albert Müllers gibt es widersprüchliche Aussagen. Als historisch gesichert kann die jüngste Information des Internationalen Suchdienstes Arolsen gelten. Danach wurde er Ende Juli 1942 verhaftet und über Bielefeld in das KZ Theresienstadt deportiert. Von hier wurde er zwei Monate später in das KZ Treblinka verschleppt, wo sich seine Spur verliert. Er wurde dort zu einem unbekannten Datum ermordet.

    Nach der Deportation wurden Hausrat und Möbel beschlagnahmt; der größte Teil ist danach „spurlos verschwunden“, wie es in den Akten heißt. Der Rest wurde für 139,50 RM versteigert; der Erlös floss in die Finanzkasse Minden.

    Einer seiner Enkel hat das Naziregime überlebt, Hans Israelsohn, der sich jetzt John Sonn nannte. In den 1950er Jahren strengte er ein Wiedergutmachungsverfahren an, in dem die Käuferin seines großväterlichen Hauses 28.000,- DM Entschädigung an ihn als einzigen überlebenden Erben zahlen musste.

  • Im Hause von Albert Müller in der Wilhelmstraße 18 wohnte auch die fünfköpfige jüdische Familie Israelsohn, auch kurz „Sonn“ genannt. – Julius, am 29. Oktober 1898 geboren, war 1919 nach seiner Heirat mit Erna Müller aus Vörden im Kreis Höxter nach Minden zugezogen. Erna, am 5. März 1899 geboren, war die Tochter von Albert Müller. Sie arbeitete als Putzmacherin im Modegeschäft ihres Vaters in der Hohnstraße 23. Ihr Mann Julius war ebenfalls in diesem Geschäft beschäftigt und wurde bald neben seinem Schwiegervater Miteigentümer.

    Das Ehepaar bekam drei Kinder: 1925 Tochter Gerda, 1927 Sohn Hans und 1928 Sohn Günter. Alle Kinder hatten unter der Diskriminierung und Verfolgung durch die Nazis zu leiden; alle wurden als Juden aus den öffentlichen Schulen ausgeschlossen. Gerda, die von der Mädchenmittelschule verwiesen worden war, besuchte ab Mai 1940 die jüdische Haushaltungsschule in Ahlem bei Hannover, von wo sie Anfang Dezember 1941 zu ihren Eltern zurückkehrte.

    Das Modegeschäft von Albert Müller und Julius Israelsohn litt wie alle jüdischen Geschäfte unter den 1933 einsetzenden Boykottmaßnahmen, die vor allem von der SA organisiert wurden. 1937 oder 1938, genau lässt es sich nicht feststellen, wurde der Verkauf des Geschäfts erzwungen, es wurde „arisiert“ und von Elsa Kaster als Modehaus weiter geführt. Die Familie war nun ohne Einkommen und auf die Unterstützung durch Albert Müller angewiesen.

    Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde Julius Israelsohn in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt, aus dem er erst Ende September 1939 wieder entlassen wurde. 1941 wurde die Familie gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen und in das sogenannte „Judenhaus“ in der Heidestraße 21 umzuziehen, wo sie nun in großer Enge mit mehreren anderen jüdischen Familien zusammen lebte, denen das gleiche Schicksal widerfahren war.

    Im Verwaltungsbericht der Stadt Minden von 1941/42 heißt es, dass am 13. Dezember 1941 „im Zuge der Abschiebung von Juden aus dem Reichsgebiet“ 25 Jüdinnen und Juden aus Minden nach Riga „evakuiert“ (!) worden seien. Darunter befand sich auch die ganze Familie Israelsohn. Im Ghetto Riga wurde die Familie auseinandergerissen. Julius und Erna wurden im August 1943 weiter in das KZ Kaiserwald verschleppt, wo Julius 1944 umkam. Erna wurde in das KZ Stutthoff deportiert und fand dort im Februar 1945 den Tod. Auch Gerda kam zu einem unbekannten Datum im KZ Stutthoff um. Günter wurde über das Ghetto Kowno und das KZ Stutthoff im September 1944 nach Auschwitz deportiert und dort vermutlich im Dezember 1944 bei einer sogenannten „Kinderaktion“ ermordet.

    Hans Israelsohn wurde von Riga aus noch mehrfach verschleppt in die Konzen-trationslager Stutthoff, Kaiserwald, Buchenwald und Theresienstadt; hier wurde er am 5. Mai 1945 befreit. Er hat als einziges Familienmitglied das Naziregime und die Shoa überlebt. 1945 kehrte er nach Minden zurück, von 1947 bis 1948 lebte er in Osnabrück. 1948 wanderte er in die USA aus. Dort legte er den Namen Hans Israelsohn ab und nannte sich John Sonn. Er starb 1988 in den USA.

  • Karl Maier und seine Ehefrau Jenny wohnten nur 1 ½ Jahre in Minden, bevor sie wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum deportiert und ermordet wurden.

    Karl Maier wurde am 20. April 1879 oder 1880 in Horkheim bei Heidelberg geboren. Von Beruf war er Viehhändler. Seine Frau wurde als Jenny Loebmann am 5. November 1883 in Wollenberg Krs. Heilbronn geboren. Das Ehepaar hatte zwei Kinder: den 1909 geborenen Sohn Justin und die 1912 geborene Tochter Erna, die nach ihrer Heirat Levy hieß.

    Die Familie wohnte zunächst in Sontheim Krs. Heilbronn und verzog später nach Wollenberg, wo sie Eigentümerin eines landwirtschaftlichen Anwesens mit Wohnhaus war. Hier betrieben Vater und Sohn seit 1919 gemeinsam ein gut gehendes Viehhandelsgeschäft, in dem Jenny vermutlich die kaufmännischen Arbeiten erledigte. Dieses Geschäft litt nach 1933 stark unter den antijüdischen Boykottmaßnahmen. 1937 wurde den Eigentümern die Konzession des Viehhandels entzogen, was den wirtschaftlichen Ruin bedeutete.

    Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurde Karl Maier am 11. November verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt, aus dem er erst am 15. Dezember 1938 wieder frei kam.

    Im Herbst 1940 verließen Karl und Jenny Maier Wollenberg, um für einige Monate bei dem Sohn unterzukommen, der nach Hausberge verzogen war. Anfang Januar 1941 zogen sie dann nach Minden. Sie wohnten zunächst am Kleinen Domhof und dann im Hause von Albert Müller in der Wilhelmstraße 18.

    Ende Juli 1942 wurden sie gemeinsam mit vielen Mindener Jüdinnen und Juden verhaftet und nach Bielefeld verschleppt, von wo sie am 31. Juli in das KZ Theresienstadt deportiert wurden. Hier ist Karl Maier umgekommen, und zwar vermutlich am 12. Oktober 1943. Seine Frau Jenny wurde am 15. Mai 1944 weiter nach Auschwitz deportiert, wo sie an einem unbekannten Tage umkam. Beide wurden später zum 31. Dezember 1945 für tot erklärt.

    Die beiden Kinder des Ehepaares Maier überlebten. Erna war rechtzeitig die Flucht aus Deutschland gelungen; Justin wurde in das Ghetto Riga deportiert und konnte nach seiner Befreiung zurückkehren.

  • Im Hause Wilhelmstraße 18 wohnte von 1935 bis 1941 auch das jüdische Ehepaar Sally und Gietha Katzenstein.

    Sally Katzenstein wurde am 10. April 1890 im nordhessischen Jesberg geboren, seine spätere Ehefrau als Gietha Nußbaum am 5. August 1891 in Rhina, ebenfalls in Nordhessen. Sie heirateten 1913. Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor: Elfriede, 1914 geboren, hieß später nach ihrer Heirat Berliner; die zehn Jahre jüngere Ruth Rika nach ihrer Heirat Rosenberg. Beiden Töchtern gelang vor Kriegsbeginn die Flucht ins Ausland; sie lebten später in Tel Aviv bzw. in Glasgow.

    Sally Katzenstein war Lehrer und Prediger. Er unterrichtete ab 1911 an der israelitischen Schule im nordhessischen Breitenbach, von 1921 bis 1934 an der städtischen jüdischen Schule in Soest. An beiden Stellen war er verpflichtet, bis zu vier Wochenstunden Unterricht an der Fortbildungsschule zu erteilen. In Soest war er auch Prediger in der Synagogengemeinde.

    Schon kurz nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten, am 7. April 1933, wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen, das die Entfernung unerwünschter Beamter, besonders jüdischer, aus dem öffentlichen Dienst bezweckte. Ihm fiel auch Sally Katzenstein zum Opfer. Am 29. März 1934 wurde er aus dem Schuldienst entlassen.

    Am 1. September 1935 zog die Familie nach Minden um und fand eine Unterkunft im Wohnhaus von Albert Müller in der Wilhelmstraße 18. Sally Katzenstein wurde örtlicher Vertrauensmann der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, später auch Prediger in der Mindener Synagogengemeinde. Als jüdische Kinder vom Besuch öffentlicher Schulen ausgeschlossen wurden, erteilte er ihnen Unterricht in privaten Räumen.

    Nach dem Novemberpogrom von 1938 musste Sally Katzenstein, obwohl jetzt ohne Einkommen, eine „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 1.400,- RM an das Deutsche Reich zahlen. Diese Abgabe wurde zynisch auch „Judenbuße“ genannt. Mit ihr mussten die Juden selbst für die Sachschäden aufkommen, die ihnen bei dem Pogrom zugefügt worden waren.

    Anfang 1939 versuchte die Familie, nach Palästina zu emigrieren, die Emigration wurde jedoch nur der Tochter Ruth Rika erlaubt. Ihre Schwester Elfriede war bereits 1936 ausgewandert. 1941 stellten Sally und Gietha einen Einwanderungsantrag in den USA, der dort auch genehmigt wurde. Die Auswanderung scheiterte wegen des Kriegseintritts der USA.

    1941 wurde das Ehepaar Katzenstein gezwungen, seine Wohnung zu verlassen und in das sogenannte „Judenhaus“ in der Kampstraße 6, das jüdische Gemeindehaus, umzuziehen, wo es zusammen mit vielen anderen Jüdinnen und Juden in größter Enge leben musste.

    Im Frühjahr 1943 waren Sally und Gietha Katzenstein die letzten noch in Minden lebenden Juden. Aber auch sie wurden am 12. Mai 1943 verhaftet und über Bielefeld in das KZ Theresienstadt deportiert. Von hier wurden sie im Herbst 1944 in getrennten Transporten weiter nach Auschwitz verschleppt, wo beide im Oktober 1944 ermordet wurden.